Die Auszubildenden mit ihren Ausbilderinnen und Ausbildern (Foto: Jürgen Grimm)

Ein Blick hinter die Kulissen von Europa

Auszubildende erhielten ihre Europass-Dokumente in einer Feierstunde in der Europäischen Kommission in Brüssel

Einen ganz besonderen Rahmen für die Verleihung der Europässe wählten die Berufsbildenden Schulen (BBS) Osterholz-Scharmbeck im März 2017 aus. Sie luden alle Azubis, die im Herbst 2016 im Rahmen ihrer dualen Ausbildung Erasmus+-Praktika absolviert hatten, sowie deren Ausbilderinnen und Ausbilder nach Brüssel ein. Dort wurden die Dokumente von Detlef Eckert, Direktor der European Alliance for Apprenticeships in der Kommission, überreicht. Mit dabei waren auch Karin Kühnrich, Ausbildungsleiterin der Lubrizol Deutschland GmbH, und Jana Klinnert, angehende Industriekauffrau und Auszubildende von Lubrizol.

Jana Klinnert während der Verleihung der Europässe in Brüssel durch Detlef Eckert (Foto: Jürgen Grimm)

Wie funktioniert eigentlich Europa und die Arbeit der europäischen Gremien? Fragen wie diese waren es, die Christiane Bodammer dazu bewogen, die Übergabe der Europass-Dokumente einmal ganz anders zu gestalten. Die ehemalige Lehrerin für Politik und Mathematik betreut das Thema Internationalisierung an den BBS Osterholz-Scharmbeck auch über ihre Pensionierung hinaus. Mit dem gewählten Rahmen wollte die 65-Jährige der Passübergabe „eine angemessene Würde“ verleihen und zugleich für den Europa-Gedanken sensibilisieren. Denn diesen leben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erasmus+-Programme vorbildlich.

„Wenn wir uns die Dinge selbst vor Ort ansehen, werden sie ganz anders wahrgenommen, weil es einen konkreten Bezug gibt“, erzählt Bodammer, die mit der Gruppe sowohl die Kommission als auch das Europäische Parlament und die niedersächsiche Landesvertretung besuchte. Teil des Programms waren zudem Treffen mit Europa-Abgeordneten wie Rebecca Harms und David McAllister. Auf diese Art und Weise wurde die Arbeit in der EU am konkreten Beispiel deutlich. Ein Ansatz, der von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sehr gut aufgenommen wurde. Neben den Azubis waren auch einige Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter der regionalen Industrie- und Handelskammer mit nach Brüssel gekommen – für Bodammer ein vorzüglicher Rahmen zur Informations- und Netzwerkarbeit.

„Ich habe es stets als große Bereicherung empfunden, jungen Leuten die Chance zu einem beruflichen Auslandsaufanthalt zu bieten“, unterstreicht die Pädagogin. Hierin liege ihrer Meinung nach eine wichtige Aufgabe von Schule, die an den BBS Osterholz-Scharmbeck bereits seit 1999 wahrgenommen wird. Seither hat sich vieles getan. So ist Internationalität längst Teil des schulischen Leitbildes geworden, mit der Zusatzqualifikation zum Europakaufmann bzw. zur Europakauffrau wurde ein Angebot geschaffen, das den regulären Berufsschulunterricht ergänzt und ein dreiwöchiges Auslandspraktikum vorsieht.

Drei Wochen lang England

Jana Klinnert gehört zur Gruppe derjenigen, die die Zusatzausbildung an den BBS Osterholz-Scharmbeck absolvieren. Als Auszubildende der Lubrizol Deutschland GmbH, die Additive für die Lack- und Druckfarbenindustrie herstellt und seit Jahrzehnten erfolgreich auf dem deutschen und internationalen Markt vertreten ist, war sie im Oktober 2016 drei Wochen lang in England, wo sie an einem Standort des Konzerns mitarbeitete. Der Aufenthalt war perfekt vorbereitet, Klinnert konnte von Anfang an voll einsteigen und empfand die Arbeit vor Ort als sehr abwechslungsreich. „Ich habe fast das ganze Unternehmen kennengelernt, von der Rezeption bis zur Produktentwicklung und zum internationalen Kundenmeeting“, bilanziert sie, wobei sie sich inhaltlich und sprachlich sehr gut aufgehoben fühlte.

Dokumentiert wurden die Erfahrungen, die sie während der Zeit in England machte, im Europass. Dazu Jana Klinnert: „Ich finde den Europass sehr sinnvoll – zum einen, weil dort schriftlich dokumentiert wird, was ich inhaltlich gemacht habe, zum anderen, weil die Auseinandersetzung mit dem Dokument mir auch geholfen hat, die gemachten Erfahrungen noch einmal zu reflektieren.“

Die Lubrizol Deutschland GmbH in Ritterhude hat 2010 damit begonnen, ihre Auszubildenden ins Ausland zu schicken, in der Regel an internationale Standorte des Unternehmens. Der Impuls dazu kam von der Berufsschule, insbesondere von Christiane Bodammer, für die die Zusammenarbeit mit den Unternehmen von Anfang zentrale Bedeutung hatte. „Wir haben uns intensiv darüber ausgetauscht, wie wichtig Auslandsaufenthalte für die Entwicklung der jungen Leute sind. Wie sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und sich in einer völlig neuen Umgebung zurechtzufinden“, betont Ausbildungsleiterin Karin Kühnrich. Sie ist davon überzeugt, dass die Internationalisierung die Attraktivität der Berufsbildung stärkt und zugleich auch den Unternehmen nutzt. „Ich glaube, dass Internationalität eine immer größere Rolle in der Berufs- und Arbeitswelt spielt. Für uns ist es definitiv gut, wenn die jungen Leute das, was sie im Ausland lernen, hier am Standort einbringen“, sagt sie. Und sie ergänzt: „Wenn Sie gute Auszubildende bekommen möchten, müssen Sie diesen heute einfach mehr bieten als früher. Gerade die jungen Leute, die weltoffen sind, wollen natürlich gerne auch einmal ins Ausland, um dort ihren Horizont zu erweitern.“

Der Europass steht für Engagement und Kompetenz

Im Europass, den jeder Azubi mit Auslandserfahrung bei Lubrizol erhält, sieht Kühnrich vor allem ein Zeichen, das das Engagement und die Mobilität der jungen Leute hervorhebe. Zudem könne das Dokument gut bei Bewerbungen eingesetzt werden, weil es die erworbenen Kompetenzen übersichtlich darstelle und das eigene Profil von dem anderer Bewerberinnen und Bewerber unterscheide. Das kann Christiane Bodammer nur bestätigen. Sie hat viele Rückmeldungen von jungen Leuten erhalten, die den Europass erfolgreich bei ihren Bewerbungen genutzt haben. Das Dokument sei dabei oftmals ein Türöffner gewesen, da es die Betriebe neugierig gemacht habe, mehr über die Person und ihre Fähigkeiten zu erfahren.

Um der wachsenden Bedeutung des Europass gerecht zu werden, halte sie eine Übergabe der Dokumente im feierlichen Rahmen prinzipiell für eine wichtige Sache. Auch wenn die Übergabe in Brüssel sicherlich nicht jedes Jahr wiederholbar sei, zeige sie jedoch die Wertigkeit der Zeremonie und die Bedeutung Europas, insbesondere für junge Leute. Für Jana Klinnert war es auch deshalb ein unvergessliches Erlebnis, weil sie sich bereit erklärt hatte, ein paar Worte in Englisch zum Europass und den Eindrücken ihres England-Aufenthaltes zu sagen. Dass die Veranstaltung in eine Tagung eingebettet und der Saal entsprechend voll besetzt sein würde, war ihr vorher nicht klar gewesen. Dazu noch einmal Klinnert: „An meine Worte kann ich mich eigentlich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass ich sehr nervös war, und dass am Ende alles gut war. Ungefähr so wie bei meiner Zeit in England.“