Das Erlebnis im Herzen, den Pass in der Hand - Juni 2012

Junge Gastronomiefachkräfte lernen in Frankreich - Schülerin erhält den 100.000sten Europass.

Im Sommer 2011 beteiligte sich die BBS Walter-Gropius-Schule aus Hildesheim erstmals am europäischen Mobilitätsprogramm LEONARDO DA VINCI. Sechs Auszubildende aus dem Bereich Gastronomie gingen für fünf Wochen in die westfranzösische Charente. Hier arbeiteten sie mit französischen Kolleginnen und Kollegen zusammen und sammelten neue Erfahrungen. Dokumentiert sind diese im Europass Mobilität. Für die 21-jährige Julia Kunz war die Übergabe des Mobilitätsnachweises ein besonderer Moment: Sie bekam das insgesamt 100.000ste in Deutschland vergebene Dokument.

„Angefangen hat alles, als eine französische Fachschule aus der Partnerstadt Angoulême bei uns anfragte, ob sie einige Praktikanten schicken könnte, die hier in Hildesheim in Hotels arbeiten sollten“, erinnert sich Rafael Meyer, Lehrer an der Walter-Gropius-Schule. Er kümmerte sich zunächst einmal darum, dass dies gelang und kam so erstmals mit der Idee der europäischen Mobilitätsprogramme in Berührung. Ein Ereignis mit Folgen, denn Meyer war begeistert und entwickelte nach und nach die Vision, Vergleichbares auch an seiner Schule in Gang zu bringen. Was ihm vorschwebte war ein europäisches Zentrum, das Auszubildende in viele verschiedene Länder schickt, damit sie dort einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur kompetenten Fachkraft gehen. Gesagt, getan: Meyer startete selbst ein entsprechendes Projekt und eine intensive Zusammenarbeit mit der Schule aus Angoulême.

Genau dort erlebte Julia Kunz einige Monate später ihre erste Begegnung mit der Arbeitswelt des Nachbarlandes. Als angehende Restaurantfachfrau im dritten Ausbildungsjahr hatte sie sich für den Lernaufenthalt entschieden, weil sie ihren Horizont erweitern wollte und sich auch fachlich von der französischen Gastronomie Impulse versprach. Diese erhielt sie – nach einer intensiven Vorbereitung in Hildesheim und Angoulême – im Rahmen ihrer vierwöchigen Arbeit im Restaurant „L´Essille“. „Es war ein sehr gutes Restaurant, wo ich von Beginn an hervorragend integriert war. Ich konnte richtig mitarbeiten und sehr viele verschiedene Sachen ausprobieren“, erinnert sich Kunz.

Bleibende Eindrücke

Die französische Gastronomie hat bleibende Eindrücke bei ihr hinterlassen. So werde das Essen sehr viel mehr zelebriert als in Deutschland, man nehme sich mehr Zeit und lege zudem größeren Wert auf Dekoration. Sie hofft, dass all dies wie eine Vielzahl weiterer Erkenntnisse in ihre Arbeit in Deutschland einfließen wird. Die Hauptgewinnerin aber, da ist sich Kunz sicher, war sie selbst: „Ich glaube, dass ich durch die Zeit in Frankreich sehr viel selbstbewusster geworden bin“, betont die 21-Jährige, die im Juli ihre Ausbildung abschließen wird. Bei ihren Bewerbungen wird sie auch den Europass vorlegen, in dem die erworbenen Kompetenzen dokumentiert sind. Sie ist sich sicher, dass das Dokument ihre Chancen erheblich steigert, gerade in der Gastronomie- und Hotelleriebranche, in der länderübergreifende Referenzen eine wichtige Rolle spielen.

Ein besonderes Bonmot der Geschichte ist, dass Julia Kunz der 100.000ste in Deutschland vergebene Europass Mobilität überreicht wurde – und das im Rahmen der ersten Mobilitätsmaßnahme, die Rafael Meyer für die Walter Gropius-Schule initiiert hatte. Für den Pädagogen ist seine Vision insofern fast schon ein Stück Realität geworden. Er ist davon überzeugt, dass der deutsch-französische Austausch und der Europass wichtige Impulse für den weiteren Berufsweg der beteiligten Schülerinnen und Schüler geben. Gern erzählt er in diesem Kontext auch die Geschichte einer anderen Schülerin, die sich nach der Rückkehr aus Frankreich für eine Tätigkeit im gastronomischen Service auf einem großen Schiff bewarb. „Dort hat sie den Europass gezückt und gesagt: ,Hier ist meine internationale Qualifikation’“, berichtet Meyer. Im Resultat sprang eine Anstellung auf dem Kreuzfahrtschiff „AIDA“ heraus, das durch die TV-Serie „Das Traumschiff“ allgemeine Bekanntheit erlangte. 

Die Zukunft ist europäisch 

Nicht zuletzt dank solcher Erfolge seien die Schülerinnen und Schüler sehr dankbar für den Europass, weiß der Lehrer, dessen europäisches Herz, wie er selbst sagt, angesichts der aktuellen Entwicklungen regelrecht „aufgegangen“ sei. Zukünftig könnte es noch größer werden, denn nach den positiven Erfahrungen mit den französischen Partnern sind neue Mobilitätsprojekte, beispielsweise in Italien, in Planung. Und auch im Unterricht hat Europa seinen Platz gefunden. So wird an der Walter Gropius-Schule im Fach Politik das Handlungsfeld „Arbeiten und Leben in Europa“ thematisiert: Schülerinnen und Schüler suchen sich im dritten Ausbildungsjahr ein Land aus und stellen Aspekte wie etwa die dortigen Arbeits- und Lebensbedingungen dar – eine wichtige Vorbereitung auf das Thema Mobilität.

Rafael Meyer wünscht sich, dass Schule und Betriebe künftig gemeinsam die Vorteile und Chancen derartiger Projekte erkennen und nutzen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sei dies auch für die heimische Gastronomie von Vorteil, könne sie doch letztlich auf Fachkräfte mit zusätzlichen Qualifikationen zurückgreifen. Ein Aspekt, der nach Meyers Ansicht in den nächsten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird, auch hinsichtlich der Ausbildungsangebote.

Julia Kunz jedenfalls ist froh über die Erfahrungen, die sie für Beruf und Leben machen konnte. Die fünf Wochen in Frankreich haben sie in ihrem Lebensmotto „Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum“ nochmals bekräftigt. Kein Wunder, gibt es doch kaum einen besseren Rahmen für derartige Vorhaben als ein gutes Restaurant in der französischen Charente.