Das Land, wo die Ideen blühen - Juni 2014

Wie zwei Auszubildende ihren Lernaufenthalt in Italien erlebten und welche Rolle der Europass dabei spielte

Italien ist nach wie vor ein Sehnsuchtsland für viele Menschen aus Deutschland und anderen Ländern Westeuropas. Es steht für Kulturgeschichte und „dolca vita“, Lebensfreude und Kreativität. Gleich zweimal hatten Auszubildende aus dem Bezirk der Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade im Jahr 2013 die Gelegenheit, sich selbst ein Bild vom Leben und Arbeiten in Italien zu machen. Michelle Knipping war drei Wochen lang als Friseurin in Florenz, Lukas Vesper für den gleichen Zeitraum als Tischler in Vicenza. Immer mit dabei: der Europass.

„Die Menschen in Florenz sind sehr anspruchsvoll und zugleich auch offenherzig“, erzählt Michelle Knipping, die im Frühjahr 2013 ein berufliches Praktikum in der Friseurschule „Scuola Parrucchieri Pino Capasso“ und einem der Schule angeschlossenen Betrieb absolvierte. Drei Wochen lang war sie insgesamt in Florenz, eine Zeit, die sie nicht mehr missen möchte und die ihr auf der persönlichen wie auf der fachlichen Ebene sehr viel gebracht hat. Anfangs war Michelle Knipping recht nervös - war es doch das erste Mal, dass sie in einer für sie fremden Umgebung völlig auf sich allein gestellt war und sich zurechtfinden musste. 

Dass ihr dies gelang, erfüllt auch Gabriele Stammerjohann mit Stolz. Die Friseurmeisterin aus Seevetal bei Hamburg, die seit mehr als 20 Jahren ausbildet, ist davon überzeugt, dass Angebote wie der Aufenthalt in Florenz enorm wichtig sind, um den Auszubildenden neue Horizonte zu eröffnen und das Selbstvertrauen sowie die sozialen Kompetenzen der jungen Menschen zu stärken. Doch auch für die Unternehmen gebe es Vorteile, beispielsweise wenn es darum gehe, den Nachwuchs für den Beruf zu begeistern und für den eigenen Betrieb zu gewinnen.

Dafür ist Michelle Knipping ein gutes Beispiel. Wenn sie im Sommer 2014 ihre Ausbildung beendet hat, wird Stammerjohann sie als Gesellin übernehmen. Bewerbungen schreiben muss Knipping zunächst also nicht. Würde sie es tun, dann wäre der Europass, in dem die erworbenen Kompetenzen des Auslandsaufenthalts dokumentiert sind, eine gute Hilfe. Das glaubt auch Gabriele Stammerjohann, die betont: „In unserem Beruf geht es neben fachlichen Aspekten immer auch darum, eigenständig und kommunikativ zu sein und auf Menschen zuzugehen. Da ist eine Auslandserfahrung eine sehr gute Referenz. Mit dem Europass können die jungen Leute dokumentieren, welche Kompetenzen sie dabei erworben haben. Da stehen Dinge drin, die weit über die Ausführungen eines Zeugnisses hinausgehen.“

„Nur wer selber brennt, kann andere anstecken!“

Hinzu kommt, so Martina Sommer, stellvertretende Projektleiterin am Niedersächsischen Zentrum für Internationale Berufsbildung (NieZiB) der Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade, dass der Europass mit seinen insgesamt fünf Dokumenten helfe, den eigenen Aufenthalt noch einmal zu reflektieren. Das NieZiB setzt sich für die Internationalität in der Berufsbildung ein, mit dem Ziel, das Handwerk attraktiv zu machen, und nicht nur Studierenden, sondern auch Auszubildenden die Möglichkeit zu geben, ins Ausland zu gehen. Aktuell gibt es Mobilitätsprojekte mit Italien, Norwegen und den Niederlanden.

Dabei stellen die jeweiligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen regelmäßig durchgeführter Nachtreffen und der jährlichen Europass-Verleihung ihre Erfahrungen in einer kurzen Präsentation vor. Hier könne man sehr gut sehen, wie die jungen Leute an den Herausforderungen gewachsen seien, bekräftigt Sommer. „Denn wie sagt man so schön: Nur wer selber brennt, kann andere anstecken!“

Neben dem Austausch mit Florenz unterstützt die Handwerkskammer noch ein weiteres Projekt in Italien. So werden Jahr für Jahr Auszubildende verschiedener Handwerksberufe ins 60 km nordwestlich von Venedig gelegene Vicenza entsendet. Einer von ihnen ist Lukas Vesper, der den Beruf des Tischlers erlernt und während seines Auslandsaufenthalts in einer kleinen Tischlerei arbeitete. Der gerade einmal zwei Mitarbeiter zählende Betrieb hat sich auf die Herstellung von Werktischen für Goldschmiede spezialisiert, Produkte, die weit über die Landesgrenzen hinaus vertrieben werden. Besonders beeindruckt zeigte sich der 21-jährige Vesper von der Art und Weise, wie im Betrieb gearbeitet wurde: „Man braucht nicht immer die größten Maschinen, um gute Arbeit zu leisten.“

Über die Arbeitseindrücke hinaus haben ihm auch die Gastfreundschaft und die Mentalität der Italiener gefallen. Wie auch Michelle Knipping in Florenz fühlte er sich in Vicenza bestens aufgenommen, ein Aspekt, zu dem sicher auch die sprachliche und kulturelle Vorbereitung seitens der Handwerkskammer beigetragen habe. Imposant war zudem die Erkenntnis, dass die Italiener trotz voller Auftragsbücher sehr viel entspannter waren als man das oft aus unseren Breiten kenne. „Eine der ersten Sachen, die ich gelernt habe, war das Wort ,domani’ – das heißt ,morgen’“, lacht Vesper, und ergänzt: „Die haben sich nicht verrückt gemacht und trotzdem hat es immer gut geklappt.“

Wenn Handwerksmeister hospitieren

Eine besondere Note erhielt Vespers Reise nach Italien dadurch, dass auch seine Ausbilderin sich von der Idee der Auslandsmobilität anstecken ließ. Sabine Peters unterstützt ihren Mann Karsten in der Betriebsführung der Tischlerei in Schneverdingen, die sie 1992 vom Vater ihres Mannes übernommen haben. Sie erzählt, wie sie durch das Projekt angeregt wurde, auch ihren eigenen Horizont zu erweitern. Gemeinsam mit anderen Ausbildungsverantwortlichen aus dem Handwerkskammer-Bezirk nahm sie an einer Ausbilderhospitation teil, die sie ebenfalls nach Vicenza führte.

„Für mich war es sehr spannend, die Arbeitsweisen und das Ausbildungssystem in Italien kennenzulernen“, schildert sie ihre Eindrücke, die durch den Besuch einiger Betriebe abgerundet wurden. Peters zeigte sich erstaunt von der Tatsache, dass auch extrem kleine Betriebe, die auf engstem Raum in der Altstadt von Vicenza arbeiten, an der Maßnahme teilnahmen. „Das war faszinierend für mich. Ich fühlte mich manchmal ein wenig zurückversetzt in Meister Eder-Zeiten. Wobei die Betriebe immer sehr gut und innovativ waren“, so Peters.

Sie ist überzeugt, dass Jugendliche, die sich ein Auslandspraktikum zutrauen, auch ganz andere Dinge schaffen können. Das müsse ihrer Meinung nach honoriert und dokumentiert werden, beispielsweise so, wie es im Europass geschieht, den sie für ein sehr wichtiges Dokument hält. Denn letztlich seien die Informationen aus dem Europass auch für potenzielle Arbeitgeber eine Hilfe, wenn sie Personal auswählen. Würden sich bei Sabine Peters junge Leute mit dem Europass bewerben, so wäre das für sie in jedem Fall ein Grund, genauer hinzuschauen – eine Art „Türöffner“ für das Gespräch und alles, was danach noch folgen könnte.