Der Europass an der Hochschule - November 2012

Ein Stimmungsbild aus München, Speyer, Rostock und Köln

In der Hochschulwelt spielen Lern- und Arbeitsaufenthalte im Ausland eine wichtige Rolle. So nutzen viele Studierende Mobilitätsprogramme wie ERASMUS oder LEONARDO DA VINCI, um in anderen europäischen Ländern zu studieren oder ein Praktikum zu machen. Doch wie beurteilen sie das Thema und welche Rolle spielt dabei der Europass? Ein Stimmungsbild aus München, Speyer, Rostock und Köln, in dem sowohl Studierende als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hochschulen über ihre Erfahrungen berichten.

Wenn es um Bulgarien geht, kann Yvonne Chadde einiges erzählen. Die 36-Jährige hat Diplom-Kulturarbeit in Potsdam studiert und absolvierte anschließend in Merseburg einen Masterstudiengang in Angewandten Kultur- und Medienwissenschaften. Nach dem Ende des Masterstudiums war sie von August 2010 bis Februar 2011 im Rahmen des Programms LEONARDO DA VINCI in Nordbulgarien, wo sie ein Praktikum am Institut für Deutsche Philologie der Universität Schumen machte. Sie gab eigene Lehrveranstaltungen, durfte Prüfungen abnehmen, organisierte eine Tagung und leitete das Tagungsbüro. Auf diese Art und Weise konnte sie die Erfahrungen, die sie bereits in ihrer Abschlussarbeit zum Thema Bulgarien gesammelt hatte, noch einmal vertiefen und neue Einblicke in die Arbeit einer universitären Einrichtung gewinnen. Heute arbeitet sie als Volontärin beim Zentrum für Wissenschaftsmanagement e.V. (ZVM) in Speyer.

Der Auslandsaufenthalt und dessen Dokumentation im Europass Mobilität haben ihr auf ihrem Weg geholfen. Dazu Chadde: „Durch das Dokument habe ich mich gezielter auf die Inhalte meines Aufenthaltes und meine Berufsvorstellung eingelassen. Das war wichtig, um die Zeit strukturiert zu reflektieren, was ich sonst vielleicht nicht in dieser Intensität getan hätte. Bei meinen Bewerbungen war es zudem eine Orientierungshilfe, um mich selbst besser einzuschätzen. Das war schon ein Vorteil.“

Mehr als ein Zeugnis

Johannes Hoch sieht das ähnlich. Er arbeitet als Praktikumsbeauftragter im Bereich Student und Arbeitsmarkt/Career Service an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Jeder, der dort ein ERASMUS-Praktiukum absolviert, erhält den Europass Mobilität – übers Jahr gesehen ergibt dies rund 60 Dokumente. „Ich finde es außerordentlich sinnvoll, ein standardisiertes, europaweit anerkanntes Dokument zu haben, mit dem man nachweisen kann, dass man im Ausland war und was man dort gemacht hat. Zumal der Europass mittlerweile auch bei anderen Hochschulen und Arbeitgebern im Ausland bekannt und anerkannt ist“, betont Hoch.

Hinzu kommt seiner Ansicht nach, dass die Studierenden bei Praktika im Ausland häufig zwar eine Art Zeugnis bekommen, dessen Aussagekraft sei mit der eines deutschen Zeugnisses jedoch nicht vergleichbar. Hier liefere der Europass eine exaktere Beschreibung dessen, was man im Ausland gemacht und welche Kompetenzen man dabei erworben habe. Wichtig sei auch, dass es sich um ein offizielles und seriöses Dokument handele, das von der Hochschule bestätigt werde. Ein Aspekt, der bei Bewerbungen Pluspunkte einbringen könne.

Studierende sind manchmal noch skeptisch

Doch wie sehen die Studierenden der LMU das Dokument? Christiane Mayr hat den Europass erhalten, als sie im Rahmen ihres Studiums für Englisch, Literaturwissenschaften und Soziologie drei Monate lang in London in einer Online-Marketingfirma arbeitete. Sie habe viel über sich gelernt in dieser Zeit und sei offener und aufgeschlossener geworden, berichtet die 25-Jährige, der vor allem die internationale Zusammensetzung des Teams imponierte. Der Europass habe bei alledem allerdings nur eine sekundäre Rolle gespielt. Das Dokument sei zwar sehr hilfreich, um die erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten entsprechend zu dokumentieren, nutzen würde Mayr es wahrscheinlich aber nur, wenn sie noch einmal ins Ausland ginge. In Deutschland zöge sie bei einer Bewerbung ein Zeugnis vor.

Von München nach Rostock. Am dortigen Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Rostock ist Maria Neumann als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte tätig. Im Anschluss an ihr Psychologiestudium in Halle/Saale und quasi mit Beginn ihrer Arbeit in Rostock hatte sie die Möglichkeit, über LEONARDO DA VINCI für drei Monate in Madrid hinter die Kulissen der Hochbegabtenförderung in Spanien zu schauen. Ihr Chef unterstütze die Idee, zumal auch das Rostocker Institut seinen Schwerpunkt auf Hochbegabung setzt und er selbst in einem internationalen Gremium tätig ist. Der Auslandsaufenthalt ermöglichte es Neumann, sich optimal auf ihre neue Stelle vorzubereiten, denn in Spanien hospitierte sie sowohl an der Universität als auch in einer Beratungsstelle sowie in einer Schule, die Hochbegabte fördert. So lernte sie unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte kennen und gewann einen Eindruck davon, wie die Förderung in anderen Ländern funktioniert. Den Europass nutzte sie dabei, um ihre fachlichen Erfahrungen zu dokumentieren und aufzubereiten. Ähnlich wie Christiane Mayr weiß sie aber noch nicht, ob und wie sie das Dokument in Zukunft nutzen wird.

Uta M. Behnisch, Leiterin des Nationalen Eropass Centers (NEC) in der Nationalen Agentur „Bildung für Europa“ im Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB), rät den Studierenden, sich beim Einsatz des Europass nicht nur auf einen möglichen Einsatz im Ausland zu fokussieren. Dazu Behnisch wörtlich: „Der Europass ist in Deutschland längst etabliert und anerkannt, sowohl in den Unternehmen als auch in Organisationen und Institutionen. Wer sich mit den Dokumenten – sei es der Europass Mobilität, aber vor allem auch der Europass Lebenslauf – bewirbt, wird nicht nur im Ausland Vorteile haben.“ Behnisch wünscht sich für die Zukunft, dass die Sensibilisierung für die Bedeutung des Europass und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auch an den Hochschulen noch weiter zunehme.

Vielfältige Möglichkeiten

Ein gutes Beispiel, wie dies in der Praxis aussehen kann, liefert die Deutsche Sporthochschule (DSHS) in Köln. Auch hier erhalten Studierende, die an ERASMUS-Programmen teilnehmen, den Europass Mobilität, wobei Dr. Karen Petry, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung, betont, dass man den Studierenden sehr nahelege, das Dokument wirklich zu nutzen.

Doch nicht nur das, in Köln kommen auch andere Europass-Dokumente regelmäßig zum Einsatz. So müssen die Studierenden, wenn sie sich für eine Mobilitätsmaßnahme bewerben, den Europass Lebenslauf verwenden. Dessen Struktur ermöglicht es der Hochschule, sehr genau zu erkennen, was die Einzelnen bereits an Berufserfahrung mitbringen und über welche Sprachkenntnisse sie verfügen – eine enorme Hilfe bei der Auswahl für das Bewerbungsgespräch auf einen der ERASMUS-Plätze. Petry würde diesbezüglich gerne noch einen Schritt weitergehen: Ihr Wunsch ist es, den Europass Lebenslauf sogar bei der Bewerbung für Master- und die Einschreibung für Bachelor-Studiengänge zu nutzen.

Das aber ist noch Zukunftsmusik, so wie der Wunsch, die Mobilität insgesamt wie auch den Einsatz entsprechender Dokumente an der Sporthochschule weiter auszubauen. „Sportstudierende sind ein sehr reisefreudiges Volk. Das wollen wir künftig noch stärker in qualifizierende Maßnahmen einbinden, indem wir die Vorteile von Mobilitätsprojekten bewerben und für das Thema sensibilisieren“, so Petry.

Heute schon erhält man zum Ende des Studiums an der DSHS auch das Diploma Supplement, das erläutert, wie der Abschluss im europäischen Vergleich zu sehen und zu bewerten ist. Für Petry ein weiterer wichtiger Schritt, denn last but not least ist sie der Meinung, dass die einzelnen Europass-Dokumente im Zusammenspiel eine noch größere Wirkung entfalten können.

Manfred Kasper