Europa eine Bühne geben - Januar 2013

Matthias Chinnery engagiert sich für Mobilität in der Theaterwelt

Wenn sich im Theater des Westens in Berlin der Vorhang öffnet, ist Matthias Chinnery in seinem Element. Seit mehr als 20 Jahren setzt der 47-jährige Beleuchtungsmeister Inszenierungen ins rechte Licht. Er ist fasziniert von der Welt des Theaters, eine Begeisterung, die er auch seinen Auszubildenden vermitteln will. Dabei setzt er zugleich auf die europäische Idee: Der gebürtige Engländer, der in Deutschland aufwuchs, ist überzeugt davon, dass eine Mobilitätserfahrung im Ausland den Horizont erweitert und vor allem die sozialen Kompetenzen stärkt.

„Ohne Licht kann ein Theaterstück nicht leuchten“, sagt Matthias Chinnery, „auch nicht im übertragenen Sinne“. Doch neben handwerklichem und technischem Geschick müssten gute Lichttechniker auch Kommunitionsstärke und Feinfühligkeit mitbringen, betont er, schließlich haben sie es am Theater mit den unterschiedlichsten und nicht immer einfachen Menschen zu tun. Das verlangt soziale Kompetenzen, und genau hier kommt das Thema Mobilität ins Spiel. Zumindest für Matthias Chinnery, für den Mobilität gleichbedeutend mit einer Stärkung der Soft Skills ist.

„Wenn wir eine Veranstaltung betreuen, gibt es Produzenten, Kreative und Umsetzende“, erläutert er. „Dabei sind wir selbst in der letzten Gruppe anzusiedeln – wir setzen um, was sich die Kreativen ausgedacht haben. Dazu müssen wir kommunizieren, nicht selten in einer fremden Sprache.“ Die Atmosphäre, in der die Arbeit stattfindet, werde in der Regel in den ersten 30 Minuten definiert. Wer offen und selbstbewusst sei, vermittle zugleich eine gewisse Kompetenz.

Die dazu nötigen Soft Skills werden nach Chinnerys Erfahrung durch Mobilitätsaufenthalte gestärkt. Er unterstreicht: „An der Situation, alleine in einem fremden Umfeld zu sein und sich dort zurechtzufinden, wächst man. Das ist wie Fahrradfahren lernen ... man verliert das nicht mehr und kann aus dem Fundus schöpfen“. Mit den Erfahrungen stehe und falle die Akzeptanz, denn wenn der Gesprächspartner merke, dass die Schlüsselkompetenzen stimmten, bilde er das automatisch auch auf das Fachliche ab.

Austausch mit anderen europäischen Bühnen

Seit mehreren Jahren macht Chinnery sich daher für den Austausch mit anderen Ländern am Theater stark: Er telefoniert durch halb Europa, um anzufragen, ob die Häuser ausbilden oder Interesse an Praktikantinnen und Praktikanten haben. Auf diese Art und Weise sind beispielsweise Partnerschaften mit Bühnen in Frankreich und Schweden entstanden. So waren einige Jugendliche, die am Theater des Westens eine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik absolvieren, im Jahr 2011 für vier Wochen in Stockholm, um dort Erfahrungen mit Theaterleben und Mobilität zu sammeln. Auch mit verschiedenen Häusern in Frankreich arbeitet Chinnery bereits seit einiger Zeit zusammen. 2013 werden gleich drei Azubis aus Berlin ins westliche Nachbarland gehen – einer nach Lyon, zwei nach Paris.

Seinen großen Wunsch, entsprechende Projekte auch in seiner „zweiten Heimat“ England anzustoßen, konnte sich der Lichttechniker bislang allerdings noch nicht erfüllen. Das liegt auch daran, dass es auf der britischen Insel nur eine schulische und keine duale Ausbildung gibt. Die Betriebe dort sind mit den Praktikantinnen und Praktikanten, die von den Schulen kommen, bereits ausgelastet. Es fehlt der Ansatz, direkt in den Betrieben auszubilden.

Soziale Kompetenzen sichtbar machen

Die Motivation für sein europäisches Engagement findet Chinnery vor allem darin, dass ihn das Thema Ausbildung prinzipiell interessiert, er gleichzeitig aber immer wieder festgestellt hat, dass die sozialen Kompetenzen im Rahmen der Ausbildung in Deutschland nicht einmal evaluiert werden. Natürlich sei dies kein einfaches Unterfangen, es gebe allerdings entsprechende Programme zur Evaluation sozialer Kompetenzen, die in der Praxis bislang jedoch noch nicht in ausreichendem Maße angewendet würden.

Über die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist Matthias Chinnery letztlich auch auf den Europass Mobilität gestoßen. Ihm geht es vor allem darum, dass soziale Kompetenzen beispielsweise bei Bewerbungen besser dokumentiert werden. Der Europass mit seinem Mix aus insgesamt fünf Dokumenten ist für ihn ein gutes Instrument, um die während eines Mobilitätsaufenthaltes gemachten Erfahrungen zu dokumentieren. Selbst wenn auch hier noch Verbesserungsbedarf hinsichtlich der abgebildeten sozialen Kompetenzen besteht, sieht Chinnery vor allem bei Bewerbungen große Vorteile: „Wir bekommen jedes Jahr rund 100 Bewerbungen für unsere Ausbildungsplätze – auch von Bewerberinnen und Bewerbern, die einen Europass in ihren Unterlagen haben. Ich muss gestehen, dass das intuitiv etwas bei mir bewirkt, weil der Europass dafür steht, dass diese Leute Erfahrungen mit europäischer Mobilität gemacht haben. Und das ist für mich per se auch bereits ein Plus.“

Insofern sei der Europass ein wichtiges Qualitätsmerkmal, weil er belegt, dass eine gewisse Reife vorhanden sei und die dahinter stehende Person aus eigenem Antrieb einen Schritt gegangen sei, den man nicht von jedem Bewerber erwarten könne. Auch wenn es letztlich darum gehe, ob der Mensch mit der jeweiligen Bewerbung übereinstimme, sei der Europass als Einstieg sicher eine Hilfe im Bewerbungsverfahren, denn, so Chinnery abschließend: „Jemand, der bei uns den Europass einreicht, hat größere Chancen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden“.

Manfred Kasper