© Sylvie Weisshäupl

Ein Europass vom Präsidenten - Im Rahmen der „Woche der Berufsbildung“ verleiht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Azubis in der Handwerkskammer Potsdam den Europass

Das hatten sich Sophie Langlotz und Moritz Velden nicht träumen lassen, als sie sich für die Teilnahme am Erasmus+-Projekt „Lehrjahre sind Wanderjahre“ der Handwerkskammer Potsdam (HWK Potsdam) bewarben. Nicht nur, dass die angehende Herren-Maßschneiderin und der künftige KfZ-Mechatroniker vier spannende Wochen in Spanien und Italien verbrachten – den Europass, der den Aufenthalt dokumentiert, erhielten sie am 18. April von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender. Die Europass-Verleihung ist Teil einer Themenwoche zur beruflichen Bildung.

Nervös war Moritz Velden schon im Vorfeld der Veranstaltung, die im Zentrum für Gewerbeförderung im brandenburgischen Götz stattfand. Erst wenige Tage zuvor war der 23-jährige Auszubildende zum KfZ-Mechatroniker von einem vierwöchigen Auslandsauenthalt aus Vicenza in Italien zurückkehrt, nun sollte er im Rahmen einer Podiumsdiskussion sogar ein paar Worte mit dem Bundespräsidenten wechseln. Dazu Velden: „Ich musste an meinen Großvater denken, der von mehr als 20 Jahren auch schon einmal mit Herrn Steinmeier auf einer Bühne stand. Er hat mich beruhigt, und gemeint, das sei ein ganz sympathischer und bodenständiger Mann, mit dem man sehr gut reden könne.“ – Die Aufregung blieb dennoch.

© Moritz Velden, Praktikum Vicenza

Moritz Velden war einer von insgesamt 24 Auszubildenden, die an Mobilitätsprojekte der HWK Potsdam teilgenommen haben, die über das EU-Bildungsprogramm Erasmus+ gefördert wurden, und nun ihre Europässe erhielten. Er war nach dem Abitur einige Zeit gereist, um Europa und die Welt kennenzulernen, und hatte anschließend seine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker in der Autohaus Dallgow GmbH im brandenburgischen Dallgow-Döberitz begonnen. Als er von der Gelegenheit erfuhr, einen Teil der Ausbildung im Ausland zu absolvieren, war er sofort begeistert. Im März 2018 ging es dann für vier Wochen nach Norditalien, wo Velden in einem Mercedes-Autohaus in Vicenza arbeitete. „Ich habe jeden Tag spannende Dinge gelernt“, berichtet er, „vor allem aber hat mich das Arbeitsleben als solches fasziniert. Dort läuft alles sehr viel entspannter ab als bei uns, und dennoch macht die Firma keine Abstriche in Sachen Umsatz.“

Ein Highlight für Moritz Velden, der schon als Kind eine große Leidenschaft für Motoren empfand, war, dass die Werkstatt, in der er hospitierte, auf AMG-Sportmotoren spezialisiert war.  In seiner letzten Auslandswoche ging für ihn ein Traum in Erfüllung, da er an einem deratigen Motor arbeiten und ihn sogar gemeinsam mit seinem Werkstattmeister Probe fahren durfte. In das Leben in Italien hat er sich fast ein wenig verliebt. Zugleich beeindruckt es ihn selbst, was passiert, wenn man aus seinem gewohnten Umfeld heraus in eine völlig unbekannte Umgebung vorstößt.

Ingolf Jesse, Serviceleiter und Ausbilder Technische Berufe in der Autohaus Dallgow GmbH, glaubt, dass die Auslandserfahrungen den Horizont der Azubis erheblich erweitern. Zugleich, so Jesse, erhöhen sie jedoch auch die Attraktivität des Ausbildungsbetriebes. „Indem wir unseren Azubis attraktive Bedingungen bieten, gelingt es uns besser, künftige Fachkräfte für unser Unternehmen zu finden“, unterstreicht er. Perspektivisch würde Jesse gerne Auszubildenden aus anderen europäischen Ländern in Dallgow die Chance zur Auslandserfahrung bieten.

Viel Theater in Málaga

© Sophie Anna Langlotz, Praktikum Malaga

Auch Sophie Langlotz hat die Möglichkeit genutzt, eine Zeit der Ausbildung im Ausland zu verbringen. Die 22-Jährige, die in der Kostümfundus Babelsberg GmbH eine Ausbildung zur Herren-Maßschneiderin absolviert, war für vier Wochen in der Kostümwerkstatt der „Escuela de Arte Dramatico“, einer Theaterschule im südspanischen Málaga. Auch wenn manche Dinge dort anders liefen als ursprünglich geplant, schwärmt Langlotz: „Es heißt immer, im Handwerk verstehe man sich auch ohne Worte. Jetzt weiß ich, was das bedeutet!“ – Aufgrund von Krankheit musste der Sprachkurs zu Beginn des Aufenthaltes verschoben werden, so dass die Kommunikation anfangs zu einer echten Herausforderung wurde.

„Wir haben manchmal einfach improvisiert“, erzählt Langlotz, der insbesondere die Begegnung mit der spanischen Kultur imponiert hat. Obwohl sie eigentlich relativ schüchtern sei, fiel es ihr nicht schwer, mit Land und Leuten warm zu werden. So habe sie sich jeden Tag mehr geöffnet und die anfangs noch vorhandenen Ängste verloren. Auch fachlich konnte sie dabei tolle Erfahrungen sammeln, war sie doch sowohl an der Vorbereitung einer Ausstellung mit alten Kostümen als auch an der Kostümerstellung für einen Drag-Darsteller beteiligt. „Als angehende Herren-Maßschneiderin war es äußerst spannend, Damensachen in Proportion für Herren anzufertigen. Auch weil ich so etwas zuvor noch nie gemacht hatte und vermutlich nie wieder machen werde“, kommentiert Langlotz.

© Sophie Weisshäupl, Sophie Anna Langlotz und Ute Kanter

Für ihren Ausbildungsbetrieb, die Kostümfundus Babelsberg GmbH, war es die erste Teilnahme an Erasmus+. Ute Kanter, Gewandmeisterin und Ausbilderin in den Werkstätten des Kostümfundus, ist sich jedoch sicher, dass weitere Projekte folgen werden: „Meine Motivation sind die Auszubildenden selbst“, sagt sie und ergänzt: „Da wir als Kostümfundus für die Filmstudios in Babelsberg immer auch international unterwegs sind, haben wir natürlich ein Interesse daran, dass unsere Lehrlinge über den Tellerrand schauen und ihren Horizont erweitern. Denn schließlich wachsen sie an solchen Aufgaben.“

Berufliche Bildung als toller Start ins Berufsleben

Dokumentiert werden die Fäigkeiten und Kompetenzen, die Moritz Velden und Sophie Langlotz im Ausland erworben haben, im Europass. Diesen beurteilen beide Azubis als „absolut positiv“, stelle er ihnen doch ein europaweit anerkanntes Dokument zur Verfügung, das sie bei Bewerbungen oder im Lebenslauf nutzen und einsetzen können. Das sei vor allem in international agierenden Firmen ein Vorteil. Denn wer schon einmal im Ausland war und sich für andere Kulturen und Sprachen interessiere, sei nicht nur vor Ort einsetzbar, sondern auch im Geschäft mit anderen Ländern in Europa und der Welt.

Die HWK Potsdam beteiligt sich seit mehr als 20 Jahren an den EU-Projektausschreibungen im Programm Erasmus+. Ziel ist es dabei, den Auszubildenden des Handwerks ein Stipendium für einen betrieblichen Lernaufenthalt in der Europäischen Union zu ermöglichen. Dabei habe man gerade mit kleinen und mittelständischen Unternehmen sehr viele positive Erfahrungen gemacht, bilanziert Jeanette Kuplin, Mobilitätsberaterin bei der HWK Potsdam. „Wichtig sind gute Partner im Ausland und Unternehmen, die die Idee unterstützen“, weiß Kuplin. Am Ende der jeweiligen Maßnahme erhalten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Europass, der Türöffner und Referenz zugleich sei, zumal Internationalität auch im Handwerk immer wichtiger werde.

Dass die Europässe im Rahmen der Themenwoche zur beruflichen Bildung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender überreicht worden seien, stelle eine enorme Wertschätzung für die Arbeit der Auszubildenden und ihrer Meisterbetriebe dar. Darüber hinaus schaffe es Aufmerksamkeit für Themen wie Handwerk und Berufsbildung. „Berufliche Bildung ist ein toller Start ins Berufsleben“, hatte Frank-Walter Steinmeier im Rahmen der Themenwoche betont. Dabei unterstrich er zugleich, dass Jobs im Handwerk Zukunft haben. Kuplin ist überzeugt, dass die duale Berufsausbildung hier immense Chancen bietet. Diese gelte es aufzuzeigen und jungen Leuten zu vermitteln. Die Verleihung der Europässe durch den Bundespräsidenten eigne sich hervorragend, um dies zu tun.

Und Moritz Velden? Nach der Veranstaltung ist er erleichtert und euphorisch zugleich. Sein Großvater hat Recht behalten. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihm die Hand gegeben und ihn angelächelt habe, sei die Nervösität komplett von ihm abgefallen, berichtet der junge KfZ-Meachatroniker. Alles Weitere habe er einfach nur genossen, vor allem die Diskussion auf dem Podium, bei der Steinmeier ihm einige Fragen zur Zeit in Italien und den Erfahrungen, die er dort gemacht habe, stellte. Am liebsten, so Velden, hätte er den Bundespräsidenten selbst noch gefragt, ob er – wenn er noch einmal jung wäre – einen Auslandsaufenthalt reizvoll fände und in welches Land er dann gehen würde. Vielleicht wäre das ja auch Italien, lacht Moritz Velden.