Freie Fahrt nach Europa - Oktober 2014

Bei der AUDI AG in Ingolstadt können Auszubildende drei Monate lang im europäischen Ausland arbeiten und dies im Europass dokumentieren

Die Automobilbranche ist eine der am stärksten global agierenden Industrien der Welt, sie übernahm in punkto Internationalisierung stets eine Vorreiterrolle. Unternehmen wie die AUDI AG in Ingolstadt sind daher bestrebt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Fachkräften von morgen die Möglichkeit zu bieten, Auslandserfahrungen zu machen. So können Auszubildende bei AUDI bereits seit 2002 für einen dreimonatigen Lernaufenthalt ins europäische Ausland gehen, zum Beispiel nach England oder Italien.

„Begonnen hat die Geschichte der Mobilitätsprojekte in unserem Unternehmen vor 13 Jahren, als erstmals Auszubildende zur Euro-Management-Assistentin eingestellt und für drei Monate ins Ausland entsendet wurden“, erzählt Ute Miehling, die im Team Kaufmännische Berufsausbildung und Betriebsmanagement bei der AUDI AG in Ingolstadt für das Thema Mobilität in der Ausbildung verantwortlich ist. Sie selbst hat im Jahr 1984 bei AUDI ihre Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen. Nach über 20 Jahren im klassischen Personalwesen wechselte sie 2008 in den Bildungsbreich, wo sie seither intensiv mit dem Europass arbeitet. In den letzten sechs Jahren hat sie über 200 Europass Mobilitätsnachweise ausgestellt. Ab Januar 2015 will sie den Europass Lebenslauf bei AUDI als verbindliches Dokument bei den Bewerbungen für Auslandsaufenthalte einführen, da dieses Dokument eine bessere Vergleichbarkeit von Bewerbungen ermögliche und damit das Auswahlprocedere erleichtere.

Von Anfang an sei es in den Mobilitätsprojekten darum gegangen, den Auszubildenden in einem der zahlreichen Unternehmen innerhalb des VW- und AUDI-Konzerns Lern- und Arbeitserfahrungen im europäischen Ausland zu ermöglichen. Entsendet wurden die Auszubildenden z.B. zu Lamborghini, Bentley oder Bugatti sowie zu SEAT, VW Slovakia und AUDI Hungaria oder AUDI Brussels. Während zu Beginn nur die Euro-Managementassistenten ein Auslandspraktikum absolvierten, so reicht die Europa-Orientierung heute längst in fast alle Berufe hinein, die bei AUDI ausgebildet werden: von Industriekaufleuten und IT-Fachkräften über Fertigungs- und Werkzeugmechaniker/-innen bis hin zu Fahrzeuglackierer/-innen, Elektroniker/-innen, KfZ-Mechatroniker/-innen und Karosseriebaumechaniker/-innen. Jedes Jahr nutzen rund 30 Nachwuchskräfte diese Chance, die Ute Miehling als „Win-Win-Situation für alle Beteiligten“ bezeichnet. Zum einen steigere die Auslandserfahrung die Motivation der Auszubildenden, zum anderen lernen diese sehr früh, Barrieren und Hemmungen zu überwinden und einem Auslandseinsatz positiv gegenüber zu stehen. Ein Riesenvorteil für das spätere Berufsleben.

Tolle Autos und neue Erfahrungen

Patrick Zimmermann ist ein gutes Beispiel für den Nutzen, den ein Lernaufenthalt im Ausland bringt. Der heute 24-jährige war im Jahr 2008 für drei Monate bei der AUDI-Tochter Lamborghini im mittelitalienischen Sant‘Agata Bolognese eingesetzt und erhielt als einer der ersten AUDI-Auszubildenden überhaupt den Europass. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen und wählt als Co-Trainer geeignete Auszubildende für die Mobilitätsprogramme aus.

Noch heute schwärmt Zimmermann von der einmaligen Erfahrung, die er in Italien machte: „Für mich als damals angehenden KfZ-Mechatroniker war es etwas absolut Besonderes, bei Lamborghini zu arbeiten“, erinnert er sich. Hinzu kam, dass Zimmermann vor seinem Auslandspraktikum noch bei den Eltern gewohnt hatte. Die Zeit in Italien ließ ihn auch in seiner Persönlichkeit wachsen. „Man nimmt Erfahrungen mit nach Hause, die man in Deutschland so nicht machen würde“, unterstreicht er, und ist froh, dass die Fähigkeiten und Kompetenzen, die er in dieser Zeit erwarb, im Europass Mobilitätsnachweis dokumentiert sind. Das Dokument sei vor allem bei Bewerbungen im internationalen Kontext ein absolutes Plus. Das versuche er heute auch den jungen Leuten zu vermitteln, die aktuell in der Ausbildung sind.

So auch Kathrin Wenger. Die angehende Euro-Managementassistentin absolvierte von Anfang Mai bis Ende Juli 2014 bei Bentley Motors in der englischen Kleinstadt Crewe einen Auslandseinsatz. „Es war das erste Mal, dass ich so lange von daheim fort war“, erzählt Wenger, die in den ersten ein, zwei Wochen ein „eher mulmiges Gefühl“ hatte. Nach der Eingewöhnung fand sie sich aber sowohl im Unternehmen als auch privat bestens in der neuen Umgebung zurecht und kann sich gut vorstellen, noch einmal ins europäische Ausland zu gehen. Die Zeit in England hat ihr viel gebracht: Sprachkenntnisse, interkulturelle Erfahrungen und eine größere Selbstständigkeit. All diese Lernergebnisse können im Europass Mobilität bestätigt werden, in dem man z.B. sprachliche und soziale Kompetenzen dokumentieren kann. Das ist ein wichtiger Aspekt für zukünftige Bewerbungen und ihren weiteren Berufsweg, findet Kathrin Wenger, die später einmal im Vertrieb oder im Personalmanagement Fuß fassen möchte.

Europass Moblität – ein Dokument mit Aussagekraft

Ute Miehling hat beobachtet, dass die jungen Leute mit einer gewachsenen Eigenverantwortung aus dem Ausland zurückkommen. Die Erfahrungen, die sie anschließend im Unternehmen im Rahmen eines Vortrags präsentieren, finden sich als Lernergebnisse auch im Europass Mobilität wieder. Ute Miehling hat diesen Nachweis für alle Mobilitätsmaßnahmen bei AUDI eingeführt, weil sie die Vorteile des Dokuments schätzt. Schließlich sei dieses europaweit gültig, einsetzbar und anerkannt. Die Auszubildenden können es für alle Arten von Bewerbungen verwenden – sei es für die Bewerbung um ein Studium, ein Auslandspraktikum oder ein Jobangebot. Dabei ergänze der Europass Mobilität das normale Zeugnis auf sinnvolle Art und Weise. Denn während im Zeugnis in der Regel die Tätigkeiten und das Verhalten einer Person abgebildet werden, dokumentiere der Europass beispielsweise auch organisatorische Fähigkeiten oder soziale Kompetenzen.

Ein Punkt, dem Stephan Plichta, Referent für das Europäische Bildungsprogramm Erasmus+ beim bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München zustimmt. Das ISB will mit seiner Arbeit Mobilitätsprogramme und den Europass in Bayern bekannter machen und die Kooperation von Schulen und Betrieben im Bereich der beruflichen Bildung fördern. Zum Beispiel durch Fortbildungsveranstaltungen, an denen nicht nur Vertreterinnen und Vertreter aus dem schulischen Bereich teilnehmen können. Im Hinblick auf Lernaufenthalte im Ausland betont Stephan Plichta, es sei ihm wichtig, dass die Qualität derartiger Maßnahmen gewährleistet ist. Dazu brauche es Anerkennungsinstrumente wie das „European Credit System for Vocational Education and Training (ECVET)“ – ein Leistungspunktesystem für die Berufsbildung, das die Transparenz von Ausbildungsergebnissen im europäischen Kontext erhöht.

„Ich halte den Europass Mobilität für ein sehr gutes Instrument – vor allem wenn er in Kombination mit ECVET eingesetzt wird. Die zu erwerbenden Kompetenzen werden hier entsprechend dem einheitlichen Qualitätsstandard der Lernergebnisorientierung dargestellt. Dadurch erhält das Dokument Aussagekraft“, hebt Plichta hervor und ergänzt: „Nur durch die Beschreibung von Lernergebnissen werden die Inhalte wirklich europaweit vergleichbar und verständlich.“