„Go Europe“ macht Berlin mobil - Juli 2015

Wie das Projekt „Go Europe“ die Mobilität von Auszubildenden an Berliner Berufsschulen fördert und welche Rolle der Europass dabei spielt 

Immer mehr Berufsschulen haben das Problem, für ihre Ausbildungsgänge nicht mehr den entsprechenden Nachwuchs zu finden. Ein Weg, die Ausbildung attraktiver zu machen und jungen Menschen spannende Lern- und Arbeitserfahrungen zu ermöglichen, ist die Internationalisierung. So auch an der Friedrich-List-Schule in Berlin-Schöneberg, wo vollzeitschulisch in Wirtschafts- und Sprachberufen ausgebildet wird. Hier entstand 2005 der Arbeitsbereich Go Europe, der es jährlich rund 500 Berufsschülerinnen und Berufsschülern in ganz Berlin ermöglicht, eine Zeit im Ausland zu verbringen. Dazu bewerben sie sich mit dem Europass Lebenslauf, der den Einstieg ins „Abenteuer Ausland“ bildet.

Klaus Naumann ist Projektleiter bei Go Europe. Er erinnert sich an die Anfänge der Initiative: „Die Idee zu Go Europe ging damals von der Senatsverwaltung für Bildung aus, die damit die Internationalisierung der Berufsbildung in Berlin fördern wollte. Unsere Schule hat den Zuschlag erhalten, weil wir als fremdsprachenorientierte Einrichtung seit jeher mit dem europäischen Gedanken vertraut sind“. So kam Go Europe nach Schöneberg, und Klaus Naumann wurde Projektleiter. Sein Job ist es, die Mobilität an den berufsbildenden Schulen in Berlin zu fördern und den Schülerinnen und Schülern Lernaufenthalte im europäischen Ausland zu vermitteln, die über EU-Bildungsprogramme finanziert werden.

Seit 2005 ist sowohl die Anzahl als auch die Qualität der Mobilitätsmaßnahmen enorm angestiegen. Das liegt auch an den Bausteinen, die Naumann und sein Team entwickelt haben, beispielsweise einem Blitzlicht-Zwischenbericht, mit dessen Hilfe die Teilnehmer am dritten Arbeitstag im Ausland Stärken und Schwächen der Maßnahme einschätzen. Naumann hält dies für wichtig, denn junge Leute hielten eine problematische Situation nicht besonders lange aus. Schnelligkeit und Flexibilität seien daher wichtige Aspekte bei der Feinjustierung der Angebote.

Der Erfolg gibt Go Europe Recht. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind mit den vier- bis fünfwöchigen Auslandsprogrammen zufrieden, der größte Teil von ihnen würde noch einmal ins Ausland gehen. Interessant ist in diesem Kontext, dass laut Naumann auch unzufriedene Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Mobilität reiften. Wichtig sei, dass sie lernten, aktiv ihre Interessen wahrzunehmen. „Mir fällt immer wieder auf, dass diejenigen, die am Anfang unzufrieden sind, aber den Mut haben, ihre Interessen zu vertreten, am Ende auch dazugewinnen“, unterstreicht der Lehrer, der aufgrund der großen Nachfrage bei Go Europe nur noch in geringem Umfang selbst zum Unterrichten kommt. Er hat sich ganz der Sensibilisierung für Mobilitätsmaßnahmen und deren Realisierung verschrieben. Diese richten sich längst nicht mehr nur an Schülerinnen und Schüler, sondern beispielsweise auch an Studienreferendare, Lehrende und andere pädagogische Fachkräfte.

Dabei stets von großer Bedeutung: der Europass. Alle Auszubildenden bewerben sich mit dem Europass Lebenslauf, in dem auch eine Einstufung der Sprachkenntnisse vorgnommen wird. Eine Besonderheit ist, dass auch Wünsche formuliert werden können, was im Praktikum vermittelt werden soll. Dazu hat Go Europe den Europass Lebenslauf eigens um eine dritte und vierte Seite ergänzt. Hier erklären die Auszubildenden genau, welche Aufgaben sie bearbeiten und welche Kompetenzen sie erwerben möchten.

Auf dieser Basis suchen die Partnerorganisationen entsprechende Praktika – für die Teilnehmenden und auch für die Gastorganisationen bringt das Sicherheit und ein größeres Einvernehmen hinsichtlich der Lernziele. Die im Ausland erworbenen Kompetenzen werden anschließend im Europass Mobilität bescheinigt. Er stellt für Naumann weit mehr als ein Arbeitszeugnis dar. Naumann wörtlich: „Für die Teilnehmenden ist der Europass Mobilität ein Dokument, das ihre Leistung und den Mut, im Ausland zu lernen und zu arbeiten, würdigt. Für Arbeitgeber ist er dabei auffälliger und interessanter als ein Arbeitszeugnis: Es zeigt sofort, dass der Bewerber oder die Bewerberin im Ausland war und welche Kompetenzen er oder sie dort erworben hat.“

Neue Horizonte entdecken in Irland

Ein gutes Beispiel ist Janine Baum, die eine Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistungen absolviert hat und in diesem Kontext 2013 für einen Monat im irischen Cork weilte. Heute arbeitet sie als Medienlogistikerin bei einem Druckhaus des Axel-Springer-Verlages. „Für mich war es damals eine große Chance, im Ausland zu arbeiten, eine Fremdsprache anzuwenden und mich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Ich habe meine Bewerbung auf Deutsch und Englisch im Europass-Format geschrieben. Das war eine große Hilfe für die Bewerbung – ich kann den Europass Lebenslauf nur empfehlen“, unterstreicht sie.

Auch wenn sie im Büro eines Autohauses gearbeitet hat, da Logistik in Irland ein Studiengang ist und es nicht möglich war, ein Praktikum als Logistikkauffrau zu finden, war die Zeit in Cork erfolgreich für Janine Baum. Das gilt insbesondere hinsichtlich des eigenen Selbstvertrauens und der Sprachpraxis. Die Dinge, die sie während ihres Praktikums gelernt hat, wurden anschließend im Europass Mobilität dokumentiert. Für Janine Baum ist dieser Nachweis wichtig: „Der Europass Mobilität ist glaubwürdig, weil er ein offizielles Dokument ist und bestätigt, was ich im Ausland gelernt habe. Gerade auch in Bezug auf die Sprachkompetenzen.“

Letztere spielten auch für die heute 23-jährige Cassandra Carolin Kolenda eine entscheidende Rolle. Die Auszubildende zur Fremdsprachenkorrespondentin an der Friedrich-List-Schule war ebenfalls 2013 für einen Monat im irischen Derry. Ihr ging es vor allem um die Sprachkompetenz, wobei es ihr Wunsch war, an der Rezeption eines Hotels zu arbeiten, um dort möglichst viel kommunizieren zu können. Ein Wunsch, der in Erfüllung ging und der für Kolenda zugleich Herausforderung und Erfolgserlebnis war.

„Da ich immer wieder gezwungen war, mich aktiv mit der Sprache auseinanderzusetzen, habe ich zunehmend an Sicherheit und Erfahrung gewonnen“, betont sie, und ergänzt: „Ich glaube, ich bin an meiner Aufgabe gewachsen und habe sehr viel Selbstvertrauen hinzugewonnen. Es war wirklich eine Erfahrung fürs Leben“.

Das Muster des Europass-Lebenslauf, das sie bei der Bewerbung für Irland verwendet hatte, nutzte Kolenda auch für die Jobsuche nach der Ausbildung. Ihr sagt vor allem der Aufbau des Dokuments zu, da dieses sehr gut strukturiert sei und es ermögliche, auch soft skills und vergleichbare Qualifikationen gesondert aufzuführen. Cassandra Carolin Kolenda ist seit einigen Monaten als Assistentin in einem Berliner Unternehmen angestellt. Ihre Sprachkenntnisse kann sie dabei bestens einbringen.

Sprachkompetenz spielt eine zentrale Rolle

Klaus Naumann gefallen solche Geschichten. Er betont immer wieder, wie wichtig gerade das Thema Sprache in Zusammenhang mit den gewünschten Lernzielen ist: denn je besser die Sprachkompetenz, desto mehr Ziele können erreicht werden. Daher rät er den Auszubildenden auch immer wieder, ihre Kenntnisse anhand des Europäischen Sprachenportfolios selbst einzuschätzen und so eigene Fortschritte erkennen zu können.

Für die Zukunft hofft er, dass noch mehr Berliner Berufsschulen die Chancen der Mobilität erkennen und viele Auszubildende diese Möglichkeit ergreifen. Die positiven Berichte und Erfahrungen der letzten zehn Jahre haben einiges vereinfacht, auch für die Arbeit von Go Europe, die mittlerweile auf ein Partnernetzwerk von rund 30 Akteuren aus allen Teilen Europas bauen kann. Dazu noch einmal Klaus Naumann: „Ich glaube, es entsteht eine Situation, in der die Schulen, die nicht mitmachen, zunehmend in die Defensive geraten. Das Ganze wird immer mehr zu einem Imagefaktor, gerade auch im Bereich der Berufsbildung. Denn letztlich hat es natürlich auch eine Menge mit der Attraktivität der Ausbildung zu tun.“