Mit dem Europass den eigenen Horizont erweitern - Februar 2012

Wenn Mobilität als Teil der Ausbildung verstanden wird

Laura Günther weiß, was Auslandserfahrung bedeutet. Sie war zum Praktikum in Irland, für einen längeren Aufenthalt in Mittelamerika und hat dabei immer wieder erfahren, wie sehr sie vor allem als Persönlichkeit gereift ist. Heute ist sie Geschäftsführerin im familieneigenen Kölner Elektrohaus Bernhard Günther und setzt sich dafür ein, dass Auszubildende die Chance bekommen, ihren Horizont zu erweitern. Ein Beispiel ist Maike Böttcher, die für drei Wochen nach Frankreich ging. Dabei stets mit von der Partie: der Euopass.

Im Unternehmen selbst hat das Thema europäische Mobilität eine lange Tradition. Schon Laura Günthers Großvater, Bernhard Günther, Inhaber des 110-jährigen Betriebs seit 1939, stützte nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl im Deutschen Bundestag als auch als Präsident der interparlamentarischen Union Sektion Deutschland/Belgien und der Handwerkskammer Köln die Europapolitik Konrad Adenauers. Von 1945 bis 1975 war er Kammerpräsident und inszenierte als solcher 1954 die erste europäische Jumelage zwischen den Handwerkskammern Lyon und Köln. Seither werden fast jährlich Lehrlinge und Gesellen zwischen den Institutionen ausgetauscht.

Von dieser Entwicklung profitiert hat auch Maike Böttcher. Die 23-Jährige absolvierte ihre Ausbildung zur Bürokauffrau im Elektrohaus Günther und ging im Sommer 2010 für drei Wochen ins französische Lyon, wo sie in der dortigen Handwerkskammer arbeitete. Für Böttcher eine völlig neue Erfahrung, die sie folgendermaßen beschreibt: „Das war anders als alles, das ich bis dahin kannte. Die Zeit in Frankreich hat bei mir wirklich etwas in Gang gesetzt. Ich habe viele neue Dinge kennen gelernt und bin mit neuen Ideen zurückgekommen“. Beworben hatte sie sich mit dem Europass, der sowohl ihre Vita als auch ihre Sprachkompetenzen sprachlich korrekt und in verständlicher Form aufzeigte: gerade bei Bewerbungen im Ausland ein wichtiges Plus. Auslöser zu alledem war jedoch, dass Laura Günther aktiv an die Auszubildende herangetreten war, um ihr die Möglichkeit nahezulegen. Von sich aus hätte Böttcher diese wohl kaum ergriffen.

Nicht zuletzt deshalb ist die Geschäftsführerin von der Entwicklung, die mit dem Schritt ausgelöst wurde, beeindruckt. Denn genau das ist letztlich ihr Ziel. Sie versteht die Ausbildung auch als Bildung der Persönlichkeit des jungen Menschen. Obwohl von vornherein klar war, dass das Unternehmen Maike Böttcher aus Kapazitätsgründen anschließend nicht würde übernehmen können, unterstützte sie die Auszubildende von Beginn an bei ihrem Vorhaben. „Für mich ist das Teil des Ausbildungsprozesses“, betont Günther, „weil man ganz besonders in den Situationen wächst, in denen die alltäglichen Routinen nicht mehr funktionieren. Eine Erfahrung, die man dann wieder am Arbeitsplatz einbringen kann“.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sei das Engagement – zumindest in diesem Falle – hingegen nur von geringem Nutzen, es resultiert mehr aus einer sozialen Verantwortung heraus. Das muss nicht immer so sein, denn natürlich können Unternehmen auch unmittelbar von der Mobilität ihrer Auszubildenden und Beschätigten profitieren – beispielsweise, wenn sie in internationalen Märkten agieren, wo entsprechende Sprachkenntnisse und ein Know-how der Situation vor Ort gefordert sind.

Vorteile bei der Jobsuche 

Für Maike Böttcher waren die Vorteile ihres Auslandsaufenthaltes sehr viel direkter spür- und anwendbar. Die erworbenen Kompetenzen wurden mit Hilfe des Europass Mobilität dokumentiert – mit durchaus positiven Auswirkungen auf die Bewerbung. Dabei lag es sicher nicht am Europass allein, dass sich Böttcher nach nur fünf Bewerbungen zwischen zwei Stellen entscheiden konnte. Sie selbst führt diese Entwicklung vor allem auf den eigenen Reifeprozess und das damit verbundene Selbstvertrauen zurück. Sie würde den Schritt ins Ausland und die Anwendung der Europass-Dokumente in jedem Falle weiter empfehlen, selbst wenn es während ihrer Zeit in Lyon rückblickend natürlich auch schwierige Momente gab. Gerade an denen jedoch sei sie gewachsen.

Und die Unternehmen? Laura Günther möchte diesbezüglich keine Patentrezepte empfehlen. Letztlich müsse jeder Betrieb für sich entscheiden, ob und in welcher Form die europäische Mobilität und der Europass für ihn sinnvoll seien. Dabei spielen auch Imageaspekte eine wichtige Rolle, beispielsweise hinsichtlich der Attraktivität eines Unternehmens für Bewerberinnen und Bewerber. Dem stehe vor allem in Handwerksbetrieben allerdings häufig entgegen, dass eine Realisierung derartiger Ansätze nicht immer einfach sei. So habe ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb fünf Mitarbeitende, „wenn sie da einen wegschicken, kann das schon ein Problem sein“. Hinzu komme, dass die Azubis ohnehin ein Drittel der Ausbildungszeit gar nicht in den Betrieben seien. Das erschwere es enorm, sie für weitere drei Wochen nicht vor Ort zu haben, so Günther.

Dennoch glaubt die Betriebswirtin, deren Elektrohaus heute 23 Beschäftigte, davon acht Auszubildende, hat, dass nahezu jeder von den Mobilitätsangeboten profitieren könne. Die damit verbundenen Impulse hingen wesentlich davon ab, wie offen man für das Thema Mitarbeiter- und Personalentwicklung sei, beispielsweise auch hinsichtlich des grenzüberschreitenden Austauschs von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Entscheidend sei letztlich, wie die eigenen Aktivitäten sich in die Gesamtphilosophie des Unternehmens einbetteten. Dazu Günther: „Ich muss mir die Frage stellen, warum ich ausbilde. Uns ist es wichtig, dass die jungen Leute bei uns etwas lernen, vor allem auch für sich selbst“.

Unterstützung erhalten interessierte Unternehmen dabei von der Mobilitätsberatung der Kammern, in diesem Falle der Handwerkskammer Köln. „Wenn jemand Interesse an solchen Programmen hat, ist das der beste Weg“, empfiehlt Günther, die die Unterstützung der Mobilitätsberater/-innen von der Kontaktanbahnung bis zu organisatorischen Aspekten des Auslandsaufenthalts selbst kennen gelernt hat. Und obwohl es dabei immer wieder auch Hürden zu überwinden gilt, die sie gerne in Zukunft noch weiter abbauen würde, ist die Grundidee der europäischen Mobilität und des Europass für sie zu einer Herzensangelegenheit geworden. Allein schon aus der eigenen Erfahrung heraus – und aus der Tradition des familieneigenen Elektrohauses.