Mobilität hat eine Formel - Februar 2012

Am Berufskolleg Hilden können biologisch-technische Assistenten von morgen Auslandserfahrung sammeln und mit dem Europass dokumentieren

Stolz halten Julian Reifegerste (22) und Loretta Hamacher (20) ihren Europass in den Händen. Beide absolvieren zurzeit eine Ausbildung als biologisch-technische Assistenten (BTA) am Berufskolleg Hilden im Kreis Mettmann (NordrheinWestfalen). In diesem Rahmen nutzten sie die Chance, über ein Praktikum im Ausland neue Einblicke zu gewinnen und Erfahrungen zu sammeln, die ihnen ansonsten wohl kaum möglich gewesen wären. Dokumentiert ist all dies im Europass.

„Uns geht es vor allem darum, für unsere Schülerinnen und Schüler das Bestmögliche herauszuholen“, sagt Dr. Heike Meininghaus, Lehrerin am Berufskolleg Hilden. Hier wurden bereits 2003, ein Jahr bevor Meininghaus selbst an die Schule kam, im Rahmen der Ausbildung zum biologisch-technischen Assistenten erste Praktika im Ausland angeboten. Seither haben die zukünftigen BTAs die Gelegenheit, für rund drei Monate in ein anderes europäisches Land zu gehen und dort fachlich wie menschlich neue Horizonte zu entdecken. „Schon damals war auch der Europass im Spiel“, erinnert sich Isabel Ohneck, wie Meininghaus Lehrerin am Berufskolleg und sozusagen „eine Frau der ersten Stunde“. Denn sie hat die Projekte einst mit auf den Weg gebracht.

Seither hat sich vieles verändert. Die Dokumente und Verfahren sind nicht zuletzt dank Internet moderner geworden, die Möglichkeiten vielfältiger. Waren es eingangs nur wenige ausländische Partner, mit denen man zusammenarbeitete, so sind es heute in manchen Jahren Institutionen aus bis zu sieben Ländern, zwischen denen die Schülerinnen und Schüler auswählen können. Auch deren Interesse an Mobilität ist in erheblichem Maße gestiegen, für die Schule sind die europäischen Projekte mittlerweile zu einem Kernelement des Gesamtangebotes geworden. Aktuell ganz groß im Rennen ist dabei Slowenien, wo auch Julian Reifegerste und Loretta Hamacher im Jahr 2011 ihre Praktika absolvierten. Beide waren für 13 Wochen an der Meeresbiologischen Station in Piran, einer kleinen Küstenstadt zwischen dem italienischen Triest und dem kroatischen Rijeka, in einer Gegend, die ihnen zuvor komplett unbekannt war.

Von Meeresforschern und kulturellen Begegnungen 

„Mich hat vor allem die Arbeit mit dem Meer gereizt, auch weil es ein Lebensraum ist, der eigentlich noch sehr unerforscht ist“, unterstreicht Reifegerste. Ähnliche Motive begeisterten auch Loretta Hamacher, die sich während der Zeit in Piran intensiv mit dem Thema Meeresverschmutzung befasste. Eine fachlich spannende Zeit, da sind beide sich einig, doch mindestens ebenso interessant waren die Begegnungen mit Land und Leuten und das eigenständige Arbeiten im Team, das ihnen am Institut ermöglicht wurde. Dazu Loretta Hamacher: „Ich glaube, das Ganze war für unsere Persönlichkeitsentwicklung ein Riesenschritt. Und das, was wir dort gelernt haben, werden wir auf unserem Berufsweg sicherlich noch gut einsetzen können.“

Damit die Erfahrungen und die erworbenen Kompetenzen nachvollziehbar und europaweit vergleichbar werden, gibt es den Europass: Er dokumentiert die Lernergebnisse und vermittelt so ein umfassendes Bild von den Fähigkeiten der jeweiligen Person. Einige Schülerinnen und Schüler, so Isabel Ohneck, haben ihn nicht zuletzt deshalb bei ihren Bewerbungen im Anschluss an die Ausbildung gezielt eingesetzt – mit Erfolg. Eine Evaluation, die das Berufskolleg zur Arbeit mit den Europass-Dokumenten im Zeitraum 2006 bis 2009 durchführte, bestätigt dies. Demnach nutzte in Hilden fast jede/-r zweite der befragten Schüler/-innen den Europass, sei es bei der Bewerbung für eine Arbeitsstelle im Unternehmen oder für einen Studienplatz an einer Universität. Heike Meininghaus ist überzeugt: „Wir glauben, dass der Europass bei bis zu 85 Prozent der BTA im Bewerbungsverfahren Vorteile bringen könnte. Dazu aber sollte er inhaltlich weiterentwickelt und mit eindeutigen Vorgaben versehen werden.“ 

Neue Wege in Sachen Transparenz 

Ein Anliegen, zu dem die Hildener im letzten Jahr ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht haben. Inhaltlich geht es dabei darum, durch eine ausführlichere Beschreibung der erworbenen Kompetenzen auf Basis des Europäischen Leistungspunktesystems für die Berufsbildung (ECVET) noch mehr Information zu gewährleisten und die Attraktivität der Dokumente zu steigern. Das Ziel ist mehr Aussagekraft und Transparenz, denn so würden zum Teil sehr unterschiedliche Ausbildungssituationen – beispielsweise zwischen Deutschland und Großbritannien – kompatibel, weiß Meininghaus. Daher ist ihr an einer inhaltlichen Vertiefung des Instrumentariums gelegen: einer Vergleichbarkeit auf einem qualitativ hohen Niveau. Genau das liefert der ECVET-Ansatz, der auf dem Konzept von Lernergebnissen beruht. Das bedeutet: Es wird nicht nur betrachtet, für wie lange ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin an welchem Ort welchen Lernabschnitt absolviert hat, sondern darüber hinaus auch dokumentiert, welche Kenntnisse, Fertigkeiten oder Kompetenzen er oder sie dabei erworben hat. In einer ersten Projektphase wurde dies mit Partnerinstitutionen aus Finnland und Slowenien umgesetzt, eine Erweiterung findet aktuell mit Partnern in Norwegen, den Niederlanden sowie Großbritannien statt.

Motivierende Erfahrungsberichte

Am Berufskolleg Hilden ist es mittlerweile etabliert, die Erfahrungen der jeweiligen Jahrgänge in Form einer Präsentation an die nachfolgenden Klassen weiterzugeben. Mit den Berichten über ihre Lernaufenthalte in Slowenien haben Julian Reifegerste und Loretta Hamacher ihren Teil dazu beigetragen, dass der Run auf die Plätze in Piran in diesem Jahr besonders groß ist: So musste sogar gelost werden, um zu entscheiden, wer 2012 dorthin fahren darf.

Andere Schülerinnen und Schüler werden ihre Praktika in skandinavischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Finnland oder in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich oder Belgien verbringen. Für alle von ihnen wird es eine besondere Zeit sein. Wie letztlich auch für ihre Lehrerinnen, denn die, so Meininghaus und Ohneck unisono, erhalten durch den Kontakt und Austausch mit anderen Institutionen immer wieder neue Ideen und Impulse für die eigene Arbeit.