Neue Horizonte durch Ausbildung im Verbund - Februar 2014

Ein internationales Kooperationsprojekt ermöglicht längere Mobilitätsaufenthalte im Handwerk – der Europass dokumentiert die Erfahrungen

Verdal ist eine Gemeinde in Mittelnorwegen, die nicht mehr als 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Ein Ort, von dem Joshua Klein nie gehört hatte, bevor er im Jahr 2013 gemeinsam mit seinem Ausbilder Arne Jacob dorthin fuhr, um den Rahmen für einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt abzustecken. Möglich machte dies der Ansatz der grenzüberschreitenden Verbundausbildung im Handwerk. Die Erfahrungen, die Joshua Klein in Verdal sammelte, wurden im Europass dokumentiert.

„Es war eines unser wichtigsten Projektziele für das vergangene Jahr, die grenzüberschreitende Verbundausbildung bekannt zu machen und zu fördern“, betont Martina Sommer, stellvertretende Projektleiterin am Niedersächsischen Zentrum für Internationale Berufsbildung (NieZiB) der Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade. Im Unterschied zu herkömmlichen Auslandspraktika finden dabei mindestens sechs Wochen der Ausbildung im Ausland statt, der Betrieb und sein internationaler Partner stimmen sich über Ablauf, Inhalte und Finanzierung der Maßnahme ab – die Ausbildung erfolgt sozusagen im Verbund.

Das erfordert, dass die Betriebe für die Dauer des Lernaufenthaltes, den die Auszubildenden im Ausland verbringen, einen adäquaten Ersatz finden. So arbeitete während der insgesamt 12 Wochen, die Joshua Klein im Herbst 2013 in Verdal war, im Gegenzug ein norwegischer Auszubildender in der Zimmerei von Arne Jacob im norddeutschen Holzen. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch im Handwerk längerfristige Auslandsaufenthalte möglich sind – vorausgesetzt, es werden die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen.

Das bestätigt auch Arne Jacob, dessen Zimmerei 2013 als Betrieb ausgezeichnet wurde, der sich in besonderem Maße für den beruflichen Austausch in Europa engagiert. Er selbst arbeitete früher längere Zeit im Ausland und unterstützt auch vor diesem Hintergrund gerne entsprechende Mobilitätsmaßnahmen des NieZiB. Dazu Jacob wörtlich: „Ich möchte meinen Lehrlingen die Möglichkeit geben, derartige Erfahrungen zu machen und andere Leute und Arbeitsumfelder kennenzulernen.“ Dabei seien dreiwöchige Abwesenheiten in der Regel kein Problem. Im Gegenteil, das mache den Betrieb attraktiver, beispielsweise wenn es darum gehe, neue Auszubildende zu gewinnen. Bei 12 Wochen sei das schon anders, da brauche man einen adäquaten Ersatz. Deshalb war Jacob froh darüber, dass Nils Robin Bjorklund zur gleichen Zeit in seinem Betrieb war.

Möglich wurde dies durch die enge Zusammenarbeit des NieZiB mit einer norwegischen Partnerinstitution und die gute Vorbereitung der Maßnahme. Für Martina Sommer ist Letzteres ein wichtiges Indiz für den Erfolg der Auslandsaufenthalte. Sie glaubt, dass gerade Handwerksbetriebe zunehmend von derartigen Angeboten profitieren können und sucht daher nach Wegen, deren Attraktivität weiter zu steigern. Schließlich gehe es darum, nicht nur Studierenden die Möglichkeit zu geben, ins Ausland zu gehen, sondern auch Lehrlingen im Handwerk. Mit den positiven Erfahrungen steige auch die Nachfrage seitens der Betriebe, da diese immer mehr erkennen würden, dass das Thema Internationalisierung ihnen konkrete Vorteile bringe. „Viele Betriebe sehen darin ein Instrument der Personalentwicklung, zumal das Ganze für sie auch imagefördernde Aspekte hat“, so Sommer.

Mobilität schafft Selbstvertrauen

Joshua Klein hat auf vielfältige Art und Weise von der Zeit in Norwegen profitiert. Er war im Sommer 2013 gerade 18 Jahre alt geworden und wollte „einfach einmal etwas anderes machen, neue Erfahrungen sammeln, seinen Horizont erweitern“. Dass es dann gleich drei Monate werden würden, hatte er zunächst nicht gedacht. Vor dem Hintergrund, dass es in seinem Beruf ohnehin Tradition ist, als Geselle auf die Walz zu gehen, nahm er die Herausforderung jedoch gerne an. Schließlich will Joshua Klein später selbst auf die Walz.

Das Fachliche ähnelte in Vielem dem Handwerk in Deutschland, erläutert der Auszubildende, der sich in Norwegen vorwiegend mit Holzrahmenbauhäusern befasste. Unterschiedlich seien hingegen spezielle Arbeitstechniken und vor allem das soziale Umfeld gewesen. Diesbezüglich hat ihn besonders die Offenheit der Norweger beeindruckt. Angesichts einer Vielzahl gemeinsamer Aktivitäten mit den Arbeitskollegen des insgesamt 15 Mitarbeiter großen Partnerbetriebs wich die Angst schnell, keinen Kontakt zu finden.

„Während ich beim Vorbereitungstreffen noch relativ schüchtern war, habe ich in der Zeit in Verdal viel Selbstvertrauen hinzugewonnen und gelernt, mich in einer völlig neuen Umgebung und einem völlig neuen Team zurechtzufinden“, unterstreicht Klein. Er kann sich gut vorstellen, nach dem Ende seiner Ausbildung im Sommer 2014 noch einmal für ein paar Monate nach Norwegen zu gehen.

Der Europass als wichtiges Instrument zur Dokumentation

Martina Sommer erlebt es oft, dass die Teilnehmenden der Mobilitätsprojekte „als neue Menschen“ zurückkommen. Die gemachten Erfahrungen werden dabei im Europass Mobilität dokumentiert, wie auch bei Joshua Klein und seinem norwegischen Pendant Nils Robin Bjorklund. Sommer hält dies für wichtig, weil die Lehrlinge damit nachweisen können, dass sie für eine längere Zeit im Ausland waren und welche Kompetenzen sie dort dazugewonnen haben. Gerade bei späteren Bewerbungen könne dies ein großer Vorteil sein.

Auch Arne Jacob ist überzeugt, dass gerade kleinere Handwerksbetriebe heute mehr denn je Wert auf Dinge wie den Europass legen sollten, zumal es immer schwieriger werde, gute Lehrlinge und Gesellen zu finden. Das Dokument bescheinige die Kompetenzen und die Bereitschaft, den eigenen Horizont zu erweitern. Wenn jemand im Rahmen seiner Ausbildung schon Auslandserfahrung gesammelt habe, zeige dies, dass er sich um viele Dinge bemüht und sicherlich auch viel dazugelernt habe.

Neben dem Europass Mobilität setzt das NieZiB auch weitere Europass-Dokumente ein. So empfehle man allen Auszubildenden, die sich für Auslandsaufenthalte interessieren, eine Bewerbung mit dem Europass Lebenslauf, der mittlerweile sehr oft eingesetzt werde. Auch die Europass Zeugniserläuterungen leisteten einen wertvollen Beitrag: Im Fall des Austausches zwischen dem niedersächsischen und dem norwegischen Betrieb sorgten sie für ein besseres Verständnis für den Ausbildungsberuf des Zimmerers. So trugen sie im Kontext der Lernvereinbarungen dazu bei, Klarheit über die jeweiligen Ausbildungsinhalte zu schaffen.

Verleihung im feierlichen Rahmen

Um der Bedeutung des Europass in seiner Gesamtheit gerecht zu werden, legt Martina Sommer großen Wert darauf, der Verleihung der Dokumente an die Auszubildenden einen würdigen Rahmen zu geben. Fast allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Mobilitätsmaßnahmen wird in den Räumen der Handwerkskammer ihr Europass überreicht – obwohl es nicht verpflichtend ist, nehmen die meisten Auszubildenden gerne an dem Termin teil. 

Joshua Klein weilte zum Zeitpunkt der offiziellen Verleihung noch in Verdal. Er erhielt seinen Europass im Rahmen einer „eigenen Zeremonie“ Ende Februar 2014. Dabei ist das Dokument für ihn „mehr als ein Zeugnis“. Klein wörtlich: „Ich glaube, der Europass ist eine gute Gelegenheit, um die eigene Persönlichkeit mit all ihren Erfahrungen und Kompetenzen darzustellen und so ein gutes Gesamtbild zu vermitteln.“