Praxis hautnah dank Europass

Immer mehr Studierende nutzen die Chance zu Auslandspraktika über Erasmus+ – an der Universität Bremen dient der Europass zur Bewerbung und Dokumentation der Aufenthalte

Erasmus+ an der Hochschule wird in der Regel mit einem Studienaufenthalt im Ausland assoziiert. Weniger präsent hingegen sind durch Erasmus+ geförderte studentische Auslandspraktika, die in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen haben. So auch an der Universität Bremen, wo Mathias Bücken im International Office Studentinnen und Studenten berät, die die Chance zum Auslandspraktikum nutzen wollen. Jedes Jahr entsendet er 60 bis 70 von ihnen in Betriebe, Schulen oder andere Institutionen. Bewerben müssen sich die Studierenden mit dem Europass Lebenslauf, dokumentiert wird die Praxiserfahrung im Europass Mobilität.

„Der Zuwachs im Bereich der Auslandspraktika ist gewaltig“, erzählt Mathias Bücken, und verweist darauf, dass noch vor fünf Jahren jährlich nur 30 bis 35 Studierende das Angebot wahrnahmen. Ein Grund für die gestiegene Nachfrage sei, dass die Mindestaufenthaltsdauer für ein Auslandspraktikum von drei auf zwei Monate abgesenkt worden sei. Hinzu komme, dass die vom DAAD gewährten Monatsraten erhöht wurden. Bücken begrüßt diese Entwicklung. Seiner Ansicht nach hinkten die meisten Universitäten hinsichtlich der Praxisorientierung des Studiums nach wie vor hinterheund der Bedarf der Studierenden angesichts „zunehmend verschulter“ Studiengänge sei groß.

Vor diesem Hintergrund hält Bücken es für wichtig, dass die Universitätsabsolventen studien- und fachbezogene Erfahrungen im Berufsalltag sammeln und Kontakte für den späteren Berufseinstieg knüpfen. Darüber hinaus diene das Auslandspraktikum dazu, Fremdsprachenkenntnisse auszubauen und die kulturellen Eigenheiten des Gastlandes kennenzulernen. Gerade die interkulturelle Kompetenz spiele eine bedeutende Rolle, zumal sie längst auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen einen hohen Stellenwert einnehme. Während sich die Absolventinnen und Absolventen eines Studienaufenthaltes häufig in einer „Erasmus-Blase“ bewegten, seien sie durch die Praktika gesellschaftlich stärker eingebunden und näher am Lebensalltag des Gastlandes. So lernten sie, mit anderen Mentalitäten und Arbeitsweisen umzugehen. Nicht selten wirke die Zeit im Ausland wie ein „Kultur- und Praxisschock“ auf die Studierenden, dessen Überwindung auch zur Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute beitrage.

Eine überzeugte Europäerin

Die Mole Antoniella - das Wahrzeichen von Turin, © Kimberly David

Kimberly David weiß, wovon Bücken spricht. Die 28-Jährige hat bis 2018 Französisch und Biologie auf Lehramt an der Universität Bremen studiert und ist zurzeit im Referendariat. Aus Interesse hat sie Italienisch als zusätzliche Fremdsprache ausgewählt und von Oktober 2017 bis März 2018 im Rahmen einer sechsmonatigen Graduiertenmobilität an einer Schule in Turin hospitiert, wo sie Deutsch unterrichtete. Die Ergebnisse ihres Praktikums wurden im Europass Mobilität dokumentiert.

„Der Europass Mobilität ist mein Arbeitszeugnis für das Praktikum. Da er auf Englisch verfasst ist, kann ich ihn in jeglichem Kontext einsetzen“, betont David. Sie sieht in dem Dokument zugleich eine Anerkennung, die würdigt, was sie während der Zeit im Piemont geleistet und dazugelernt hat. So konnte sie sich in vielen Bereichen professionalisieren, was für sie im Referendariat sehr hilfreich ist. was ihr im Referendariat sehr hilfreich ist. „Ich weiß heute sehr viel besser, was es bedeutet, Menschen eine Sprache beizubringen“, fasst David zusammen. „Die Zeit in Turin war fast wie eine Laborsituation, in der ich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern neue Methoden ausprobieren konnte. Am spannendsten aber war für mich der Unterschied der beiden Schulsysteme. Der Unterricht in Italien läuft sehr viel frontaler ab als bei uns, da war es interessant, eigene Impulse zu geben.“

David ist überzeugte Europäerin. Bereits nach dem Abitur hat sie am Europäischen Freiwilligendienst teilgenommen, während des Studiums war sie für ein Semester in Frankreich, zudem unterstützte sie vier Jahre lang im International Office der Universität Studierende in Sachen Auslandspraktika. Beworben hatten diese sich mit dem Europass Lebenslauf, den David folglich bestens kennt. „Die klare Struktur des Dokuments sorgt für eine hohe Vergleichbarkeit. Das hat meine Arbeit im International Office erheblich erleichtert. Bei meiner eigenen Bewerbung war der Europass Lebenslauf eine Hilfe, um mir meiner Kompetenzen bewusst zu werden und diese entsprechend darzustellen“, so David.

Positive Erfahrungen mit dem Europass

Mit dem Europass arbeitet Mathias Bücken bereits, seit es das Dokument gibt. Er zählt zu den Nutzern der ersten Stunde und hat sowohl mit dem Europass Lebenslauf als auch mit dem Europass Mobilität positive Erfahrungen gesammelt:

„Sowohl die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als auch die Arbeitgeber sehen im Europass Mobilität ein hervorragendes Dokument, um die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen zu dokumentieren und darzustellen. Mit dem Europass sind die Studierenden auch bei Bewerbungen ,State of the art’.“

Dazu erzählt Bücken abschließend die Anekdote von einem Studenten, der wegen des Europass eine Arbeitsstelle gefunden hat. Er hatte sich nach dem Studium innerhalb Deutschlands beworben und wurde eingeladen, weil der Chef des Unternehmens wissen wollte, was es mit dem Dokument auf sich habe. Der Student fuhr zum Gespräch und bekam die Stelle. Generell sei erkennbar, dass der Europass in der Wirtschaft einen immer höheren Stellenwert einnehme. Im Hochschulbereich sieht Bücken allerdings noch Defizite. Hier wünscht er sich einen höheren Bekanntheitsgrad des Europass, damit die Vorteile des Dokuments besser genutzt werden können.