Wein und Mobilität, eine passende Kombination - November 2013

Bereits seit mehr als 20 Jahren setzt die Weinbauschule im rheinlandpfälzischen Neustadt beim Austausch mit Burgund auf den Europass. 

Mobilität hat in der Weinbauschule des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum in Neustadt an der Weinstraße eine lange Tradition. Bereits seit 1992 werden hier Jahr für Jahr Austauschprojekte mit einer Partnerschule in Burgund durchgeführt. Für jeweils drei Wochen gehen die Auszubildenden ins Nachbarland, die dabei erworbenen Kompetenzen werden im Europass dokumentiert. Für die Teilnehmenden ein wichtiges Plus in punkto Transparenz ihrer Lernerfolge.

„Alle Welt trinkt Wein. Das Spannende ist, dass derjenige, der offen und mobil ist, sehr viele unterschiedliche Dinge über Wein und Weinbaukulturen erfahren kann“, betont Alfred Fischer, stellvertretender Leiter der Weinbauschule. Er koordiniert die Mobilitätsangebote, die sich bei den Auszubildenden großer Beliebtheit erfreuen. So nutzen jährlich 15 von insgesamt 50 Azubis die Möglichkeit, an dem Austausch teilzunehmen und in eine zuvor unbekannte Welt hineinzuschnuppern. Wichtig dabei: Der Auslandsaufenthalt wird komplett angerechnet und fließt in die Ausbildungszeit ein. 

„Wir haben unseren Absolventen schon Mitte der 1990er-Jahre den Europass überreicht“, erinnert sich Fischer, und er ergänzt: „Ich glaube, wir gehörten zu den ersten, die dies gemacht haben haben.“ – Hintergrund der Entwicklung war, dass bereits 1990 ein Netzwerk der europäischen Weinbauschulen ins Leben gerufen worden war, um das Wissen und die Lebenserfahrung der europäischen Winzer zu erhalten und weiterzugeben sowie die Entwicklung im Weinbau zu begleiten.

Eine Drehscheibe war dabei das Burgund, das von Beginn an eng mit dem Partnerland Rheinland-Pfalz zusammenarbeitete. So entstanden verschiedene Formen der Kooperation, unter anderem Schulpartnerschaften, die es jungen Winzerinnen und Winzern ermöglichen sollten, über längere Zeit berufliche Erfahrungen in anderen Weinbauregionen zu sammeln.

Den eigenen Horizont erweitern 

Finanziell unterstützt und begleitet werden die Projekte vom Deutsch-Französischen Sektretariat (DFS) für den Austausch in der Beruflichen Bildung. Dessen Ziel ist es, jungen Auszubildenenden die Möglichkeit zu eigenen Mobilitätserfahrungen im Rahmen von Gruppenaustauschen und im Dialog mit einem französischen Austauschpartner zu geben. „Unsere Programme sind grundsätzlich auf eine langfristige Zusammenarbeit der Einrichtungen in beiden Ländern angelegt“, betont Simone Rebstock, deutsche Delegierte des DFS. Zurzeit sind es rund 50 Berufe, in denen entsprechende Ansätze gibt und in denen ein lebendiger deutsch-französischer Dialog an der Basis von jährlich rund 4.000 deutschen und französischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelebt wird. Besonders in der Ausbildung zum Winzer und zur Winzerin bietet sich die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich an.

In der Praxis sieht das so aus, dass die Schülerinnen und Schüler aus Neustadt für drei Wochen nach Burgund gehen – im Gegenzug kommen die französischen Auszubildenden für den gleichen Zeitraum in die Pfalz. Untergebracht werden sie direkt in den Betrieben, wo sie in die saisonale Arbeit in Weinberg und Keller einbezogen werden.

Der Schulleiter weiß, wovon er spricht, denn er selbst war Ende der 1960er Jahre als Austauschschüler im Burgund, um dort „seine erste große Lebenserfahrung“ zu machen. Noch heute blickt er gerne zurück: „Für mich war es das Erleben einer anderen Kultur – das hat mir gefallen, es hat mich bereichert und geprägt“. Auch wenn derartige Erfahrungen für Jugendliche heute sehr viel selbstverständlicher seien als damals, profitierten sie doch weiterhin enorm vom vorübergehenden Leben und Arbeiten in einer anderen Kultur, sowohl fachlich als auch persönlich.

Eine gewachsene Geschichte 

Gerald Hundinger und Christian Braunewell können Fischers Einschätzung nur bestätigen. Hundinger nahm 2001 am Austausch der Weinbauschule mit Burgund teil. Für ihn ein beinahe „logischer“ Schritt, hatte auch er doch schon in seiner Schulzeit dort ein Praktikum absolviert.

„Man muss einfach über den Tellerrand schauen, um zu erkennen, dass jede Region ihre eigene Tradition hat. So versteht man, warum die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise gemacht werden und wie sie zusammenwirken“, beschreibt Hundinger, der seit sieben Jahjren als Betriebsleiter im eigenen Familienbetrieb arbeitet. Noch heute profitiert er von den Erfahrungen und Kontakten, die er in Burgund gewonnen hat, denn er verkauft seine Weine auch ins Ausland, zum Beispiel nach Frankreich. Hier hat er Liebhaberinnen und Liebhaber für einen Weinstil gefunden, der in Deutschland Tradition hat, in Frankreich in dieser Form aber nicht zu finden ist. Der Dialog mit dem Nachbarland hat sich zu einer gewachsenen Geschichte entwickelt, die bereits in der Schulzeit begann und sich bis heute fortsetzt. Nur mit den Gastschülern aus Frankreich in den heimischen Betrieb hat es bislang noch nicht geklappt. Für die Zukunft hat Gerald Hundinger dieses Ziel jedoch fest im Blick.

Christian Braunewell absolvierte im April 2008 einen Teil seiner Ausbildung im Burgund. Er arbeitete in einem biologisch-dynamischen Betrieb, wohnte bei der Inhaberfamilie und konnte so einen Blick hinter die Kulissen der französischen Weinbaukultur und Mentalität werfen. Vor allem sein Verständnis für die Bedingungen und Herkunft der Weine als Maßstab zur Einordnung der Qualität ist in dieser Zeit gereift. Ähnlich wie die Erkenntnis, dass Zeit und Genuss wichtigere Werte sein können als viele materielle Dinge.

Christian Braunewell absolvierte im April 2008 einen Teil seiner Ausbildung im Burgund. Er arbeitete in einem biologisch-dynamischen Betrieb, wohnte bei der Inhaberfamilie und konnte so einen Blick hinter die Kulissen der französischen Weinbaukultur und Mentalität werfen. Vor allem sein Verständnis für die Bedingungen und Herkunft der Weine als Maßstab zur Einordnung der Qualität ist in dieser Zeit gereift. Ähnlich wie die Erkenntnis, dass Zeit und Genuss wichtigere Werte sein können als viele materielle Dinge.

Gerald Hundinger glaubt, dass der Europass gerade in einem Bereich wie Weinbau von Vorteil ist, da viele Absolventinnen und Absolventen deutscher Weinbauschulen anschließend ins Ausland gehen. Da helfe die Dokumentation ihrer Erfahrungen im Europass ganz erheblich weiter, denn: „Wer bescheinigen kann, dass er entsprechende Erfahrungen gesammelt hat, der beweist ja, dass er offen für Neues ist und immer weiter dazulernen will. Das ist mit Sicherheit ein großer Vorteil, nicht nur im Weinbau.“