Wir sollten jede Chance nutzen! - Januar 2015

Wie das Programm IdA und der Europass Arbeitssuchenden mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt beim Wiedereinstieg helfen

Eine Vielzahl von Mobilitätsprogrammen richtet sich an Auszubildende, Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, eher selten hingegen sind bislang Angebote für Menschen, die gerade arbeitssuchend sind. Diesen einen Lern- und Arbeitsaufenthalt im Ausland zu ermöglichen und dadurch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, will das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds geförderte Programm IdA (Integration durch Austausch). Im Rahmen von IdA erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Chance, Praktika im Ausland zu absolvieren. Ihre Erfahrungen und so erworbenen Fähigkeiten werden anschließend im Europass dokumentiert und zertifiziert.

Herzogsägmühle ist ein Dorf in Oberbayern, 80 Kilometer südwestlich von München. Hier gibt es eine Kirche, einen Maibaum, ein Wirtshaus, einen Supermarkt und einiges mehr. Das Besondere an Herzogsägmühle ist, dass sich aus der einstigen Arbeiterkolonie ein Sozialdorf der Diakonie Oberbayern mit heute über 900 Einwohnern entwickelt hat. Es bietet Menschen ein Zuhause, die durch soziale Probleme, Krankheit oder Behinderung benachteiligt sind.

Ingo Massel arbeitet für das Europa-Projektbüro in Herzogsägmühle – eine eigenständige Abteilung mit vielfältigen Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft. Eine dieser Aufgaben ist es, arbeitssuchenden Menschen aus Herzogsägmühle und der Region die Möglichkeit für Auslandspraktika im Rahmen des Programms IdA zu bieten. Im Projektverbund mit der Frau und Beruf GmbH München und dem Diakonischen Werk Traunstein konnten so von 2010 bis 2014 Auslandsaufenthalte in Griechenland, Tschechien, Österreich und Slowenien durchgeführt werden, immer in enger Zusammenarbeit mit den Jobcentern der Region.

Die Idee ist einfach: Einen Monat lang gehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – in der Regel Arbeitssuchende mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt – in das jeweilige Land, wo sie etwa 20 bis 30 Stunden wöchentlich in einem Praktikumsbetrieb arbeiten. Flankiert wird dies von begleitenden Trainings- und Gruppenaktivitäten. Ingo Massel ist von diesem Konzept überzeugt: „Das Tolle ist, dass unsere Teilnehmer Erfahrungen sammeln können, die sie sonst nie machen würden“, berichtet er und unterstreicht, dass die meisten mit klareren Zielen und größerem Selbstvertrauen in ihren Alltag zurückkehrten. Massel führt dies vor allem darauf zurück, dass ihnen im Ausland mit einer anderen Wertschätzung begegnet wird als im heimischen Umfeld. „Dort sind sie nicht die Arbeitslosen, sondern normale Leute, denen viel Respekt entgegengebracht wird, weil sie sich in der Arbeit engagieren und sich einbringen.“

Dokumentiert wird all dies im Europass Mobilitätsnachweis, den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach ihrer Rückkehr im feierlichen Rahmen erhalten. Nach Massels Ansicht trägt das Dokument wesentlich zum Erreichen der Projektziele bei: „Wenn der Europass einer Bewerbungsmappe beiliegt, erweckt das auf jeden Fall Aufmerksamkeit, weil er sich von den sonstigen Zeugnissen und Arbeitsnachweisen abhebt. Es hat ein anderes Format, eine andere Wertigkeit – ich denke, genau das macht neugierig! In diesem Sinne halte ich den Europass für eine Art Türöffner beim Wiedereinstieg unserer Teilnehmenden in die Arbeitswelt.“

Der Europass öffnet Türen in den Arbeitsmarkt

Ein gutes Beispiel ist Edda Lichtneker, die Ende 2013 einen Monat lang in Innsbruck hospitierte und seit Mitte 2014 als Bürokauffrau in Landsberg arbeitet. Da sie eine körperliche Behinderung hat, ist die 36-jährige gebürtige Rumänin, die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, auf eine sitzende Tätigkeit angewiesen. Trotz einer Ausbildung als Bürokraft und einer Weiterbildung zur Kaufmännischen Assistentin hatte sie sich bis dahin erfolglos beworben. Der Praktikumsaufenthalt gab ihr einen Schub und neues Selbstvertrauen.

In den acht Vorstellungsgesprächen, die sie im Anschluss an die IdA-Maßnahme hatte, wurde Lichtneker sehr oft auf die Zeit im Ausland angesprochen. Sie ist fest davon überzeugt, dass der Europass dabei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg war. Dazu Lichtneker: „Der Europass gibt mir die Chance, nachzuweisen, was ich kann. Die Botschaft lautet: Ich bin leistungsfähig und zugleich bereit, mich einer neuen Herausforderung zu stellen, um weiterzukommen. Ich glaube, dieses Gesamtpaket spricht potenzielle Arbeitgeber an.“

Das Gesamtpaket stimmt auch für Rosa Hochschwarzer, Geschäftsführerin der Frau und Beruf GmbH, die am Hauptstandort München und an fünf weiteren Standorten in Bayern Dienstleistungen für Frauen anbietet. Bei der Durchführung der IdA-Maßnahmen arbeitet Herzogsägmühle von Beginn an eng mit der Frau und Beruf GmbH zusammen. Deren Zielgruppe sind Alleinerziehende, die über das Programm für einen Monat nach Griechenland gehen können, um dort zu arbeiten. Laut Hochschwarzer ein Ansatz, der nur dann Sinn macht, wenn das Thema Kinderbetreuung von Anfang an mitgedacht wird.

„Der Mehrwert muss ganzheitlich gesehen werden“, unterstreicht die Pädagogin. Entscheidend sei dabei die Kombination aus der Veränderung im Alltag, dem Erleben des Regelmäßigen und der Möglichkeit zu neuen Erfahrungen. Damit wachse zugleich die Mobilität. Das und die Lernerfahrung aus dem Praktikum mache IdA zu einem arbeitsmarktpolitischen Instrument mit hohem Wirkungsgrad. Betrachte man das Programm längerfristig, so liege die Vermittlungsquote bei über 60 Prozent. Dazu trage – so Hochschwarzer – auch der Europass bei. Denn neben der Wertschätzung, die die Teilnehmerinnen durch das Dokument erfahren, falle dieses auch im Bewerbungsprozess positiv auf. Hochschwarzer weiß das, denn sie hat Personalern von Betrieben Bewerbungsmappen der Teilnehmerinnen vorgelegt. Mit viel Lob für den Europass.

Am Griechenland-Projekt im September und Oktober 2014 nahm auch Pamela Werner aus Bad Reichenhall mit ihrem fünfjährigen Sohn und ihrer zweijährigen Tochter teil. Noch im Dezember fand die 28-Jährige eine neue Anstellung in der Altenpflege. „Für mich war es phantastisch, gemeinsam mit den Kindern an der Maßnahme teilzunehmen und gleich danach einen neuen Job zu finden“, schwärmt Werner. IdA hat ihr die Motivation und den Schwung gegeben, mit denen sie nun an die neue Aufgabe herangehen kann. Der Europass stehe für die in Griechenland gewonnene Erfahrung, eine Chance, die Pamela Werner genutzt hat.

Gemeinsame Aktionen mit den Jobcentern der Region 

Sowohl Edda Lichtneker als auch Pamela Werner sind durch die Arbeit der jeweiligen Jobcenter auf IdA und den Europass aufmerksam geworden. Barbara Waliczek ist Beauftragte für Chancengleichheit im Jobcenter Weilheim, seit knapp 25 Jahren ist sie in der beruflichen Integrationsarbeit tätig. Wie andere Jobcenter der Region arbeitet auch Weilheim eng mit den Projektträgern von IdA zusammen, wenn es darum geht, die Einstiegs- bzw. Wiedereinstiegschancen der Zielgruppe zu erhöhen.

„Das beginnt bereits damit, dass wir die Maßnahme gemeinsam bewerben“, so Waliczek. „Wir versuchen, die Frauen davon zu überzeugen, dass es für sie vorteilhaft sein könnte, an IdA teilzunehmen. Ein Prozess, in dem man ihnen sehr viel Raum und Zeit lassen muss und der manchmal auch zum Kraftakt wird, weil die Rahmenbedingungen alles andere als einfach sind. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, dass wir jede Chance nutzen“.

Umso erstaunter ist Waliczek häufig, wenn sie die Teilnehmerinnen nach der Zeit im Ausland erlebt. „Immer wieder begeistert es mich, was die Teilnahme bei den Frauen bewirkt“, berichtet sie. Das reiche von der realistischen Wahrnehmung der Lebenssituation über das Erkennen von Potenzialen und Hemmnissen bis zum Entdecken der eigenen Ressourcen. All dies ermögliche eine ernsthafte und fruchtbare berufliche Zielarbeit. Der Europass sei dabei „das Tüpfelchen auf dem i“ – ein Dokument, auf das die Teilnehmerinnen in der Regel sehr stolz seien.

Manfred Kasper