Inklusion ohne Grenzen

Wie der Europass Mobilität die Stärken von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sichtbar macht 
 

Oktober 2026

Die Mosbacher Werkstätten gehören zur Johannes-Diakonie, einem sozialen Dienstleister in Mosbach bei Heidelberg. Sie bieten Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie psychischer Beeinträchtigung Raum zum Lernen und Arbeiten. Fünf Teilnehmende der Werkstätten der Johannes-Diakonie hatten nun erstmals die Chance, über eine Erasmus+-Mobilität in Österreich neue Arbeitswelten kennenzulernen. Ihre Reise zeigt, wie schnell vermeintliche Grenzen ins Wanken geraten können. Und der Europass Mobilität, den sie als Nachweis ihres Lernaufenthaltes im Ausland erhalten haben, macht sichtbar, welche Kompetenzen dabei zum Vorschein kamen.

„Der Lernaufenthalt in Österreich war eine wertvolle Erfahrung, sowohl für die Teilnehmenden als auch für mich und das Betreuerteam“, sagt Maren Zimmermann. Sie ist Ergotherapeutin und arbeitet seit 2020 in den Werkstätten. Dort ist sie für die pädagogische Begleitung der Beschäftigten und die Zusammenarbeit mit den Leistungsträgern verantwortlich. Darüber hinaus unterstützt sie bei der Erstellung von Entwicklungsberichten und der Planung individueller Fördermaßnahmen.

Als seitens der Geschäftsleitung die Anfrage kam, ein Erasmus+-Projekt mit einer Partnerorganisation in Österreich durchzuführen, erklärte sie sich sofort bereit, gleichzeitig bedeutete es für Zimmermann einen Schritt ins Ungewisse „Das war auch für mich erst einmal Neuland, zumal die Betreuung der Teilnehmenden auf einer solchen Reise noch einmal ganz andere Herausforderungen mit sich bringt als die Arbeit hier vor Ort“, erzählt sie.

Im Berufsbildungsbereich der Johannes-Diakonie werden Menschen nach der Schule auf das Arbeitsleben vorbereitet, wobei fachliche und soziale Kompetenzen sowie verschiedene Bildungsbausteine im Fokus stehen. Langfristiges Ziel ist die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Gelingt dies nicht, können die Beschäftigten dauerhaft in der Werkstatt arbeiten.
 

Intensive Betreuung

Mit drei Begleitpersonen ging es im Juli 2026 für eine Woche nach Salzburg, wo die Gruppe beim österreichischen Partner RWS anderskompetent zu Gast war, einem gemeinnützigen Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen zu ermöglichen. „Der intensive Betreuungsschlüssel war notwendig“, so Zimmermann, „weil einige Teilnehmende sehr viel Unterstützung brauchen – sowohl fachlich als auch persönlich. Unsere Aufgabe bestand darin, die Gruppe optimal auf die Zeit in Österreich vorzubereiten, ihnen Mut zu machen, Sicherheit zu geben und sie bei Bedarf individuell zu begleiten. Teilweise war sogar eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig, um Arbeitsschritte zu erklären oder Unsicherheiten abzubauen.“

 

Viel Freunde an gemeinsamen Aktivitäten

Die Zeit in Österreich war für alle Teilnehmenden ein besonders Erlebnis. So berichtet die 21-jährige Julia, die den Berufsbildungsbereich durchläuft und aktuell ein Praktikum in einer Großküche absolviert: 

Ich war zum ersten Mal in einem Hotel. Das war ganz neu für mich und ich war vorher ein bisschen aufgeregt. In Österreich habe ich neue Arbeiten ausprobiert und gesehen, was dort in der Werkstatt anders ist als bei uns in Deutschland. Das fand ich spannend. Ich habe viel Neues erlebt und bin stolz, dass ich das geschafft habe.“

Maren Zimmermann kann dies nur bestätigen. „Im Laufe der Woche wurden alle Beteiligten immer offener und selbstbewusster. Da haben sich regelrecht Grenzen verschoben, auch weil sie sehr viel Freude an den gemeinsamen Aktivitäten hatten und ihre Fähigkeiten einbringen und ausweiten konnten." Und sie berichtet weiter: „Dazu hatte die österreichische Einrichtung drei Mitarbeitende ausgewählt, mit denen wir während der Woche eng in deren Werkstatt zusammenarbeiteten. Darüber hinaus stand auch eine Stadtführung durch Salzburg auf dem Programm. Sie wurde von einem Beschäftigten unseres Partners durchgeführt, der die Stadt auf eine sehr verständliche Weise erklärte und gut auf unsere Bedürfnisse einging. Besonders schön war zu beobachten, wie schnell sich die deutschen und österreichischen Teilnehmenden verstanden. Sie gründeten sogar eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe und verabredeten sich auch außerhalb des offiziellen Programms.“
 

Europass stärkt das Selbstvertrauen

Welche Kompetenzen sie während der Zeit in Salzburg erwarben, wurde im Europass Mobilitätsnachweis dokumentiert. Maren Zimmermann ist überzeugt, dass dies gleich mehrere Effekte mit sich bringt: „Der Europass macht sichtbar, welche Aufgaben die Teilnehmenden übernommen und welche internationalen Erfahrungen sie gesammelt haben. Vor allem aber stärkt er das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Teilnehmenden trauen sich dadurch einfach mehr zu. Wenn später eine Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erfolgt – bei uns übernimmt das ein Jobcoach – kann der Europass dabei sehr unterstützen.“
Dem kommt gerade beim Thema Inklusion eine besondere Bedeutung zu. Maren Zimmermann bekräftigt:

Menschen mit Behinderung verfügen häufig über Fähigkeiten, die im Alltag nicht sofort erkannt werden. Der Europass dokumentiert diese Kompetenzen und rückt die Stärken der Menschen in den Mittelpunkt, nicht ihre Einschränkungen. Dadurch trägt er zu mehr Chancengerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe bei.“

Die Reise geht weiter

Am letzten Tag des Aufenthalts trafen sich alle Beteiligten noch einmal in der Werkstatt. Dort fand eine Abschlussrunde statt, an der auch die Mitarbeitenden der RWS anderskompetent teilnahmen – ein würdiger Rahmen zur Überreichung der Europass-Zertifikate. Wie wichtig diese für die Akteurinnen und Akteure sind, unterstreicht der 53 Jahre alte Carsten, der in einer Montagegruppe der Mosbacher Werkstätten arbeitet und sich zudem im Werkstattrat engagiert: „Ich bin stolz auf meinen Europass. Da steht drin, was ich in Österreich gemacht und gelernt habe. Die Reise war etwas Besonderes für mich. Mit dem Europass kann ich auch anderen zeigen, was ich alles erreicht habe.“

Für Maren Zimmermann jedenfalls steht heute schon fest, dass es auch im kommenden Jahr einen Erasmus+-Lernaufenthalt im europäischen Ausland geben wird. Diesmal soll es allerdings in ein anderes Land gehen. Welches das sein wird, steht aktuell noch nicht fest. Der Europass wird auch 2027 wieder mit von der Partie sein.
 

Text von Manfred Kasper